Das Wort für Zelt und für das sackartige Gewand der Frauen ist in Iran das gleiche: Tschador. Deshalb hat die Choreografin Helena Waldmann ihr neues Tanzstück Letters from Tehran aus wandelnden Zelten komponiert. Fünf iranische Frauen verleihen bunten Igluzelten ein Innenleben, von dem man beim Tanztheater International in Hannover nur die äußere Hülle sah. Bizarr und ein wenig unheimlich wirbeln sie durch den Raum, fallen von der Bühne, stürzen sich aufeinander oder stehen still nebeneinander. In einer Szene zerren alle Zelte gemeinsam an dem einzigen blauen, an Mrs. Blue, bis die äußerste Schicht sich löst. Doch darunter kommt eine neue Membran zum Vorschein. Ohne diese vielschichtige Umhüllung scheint Äußerung nicht möglich. Waldmanns Stück kommentiert die politische Wirklichkeit in Iran, wo offiziell kein Tanz, sondern lediglich rhythmische Bewegung erlaubt ist.

Auf Einladung des Dramatic Arts Center Teheran hatte die Choreografin vor kurzem einen zweimonatigen Workshop geleitet, mit der Zelt-Metapher findet sie nun einen eingängigen Weg, ihre Iraner Eindrücke zu schildern. Die Ambivalenz des Tschadors, der Schutz und Gefängnis ist, der es erlaubt, zu sehen, ohne gesehen zu werden, steht im Zentrum der Performance. Sie beginnt mit einer abschottenden Geste, dem Zuziehen eines Reißverschlusses, am Ende aber laden die Frauen zum Eintritt ins Zelt ein. Wie nahe man ihnen kommen darf, wird erst die nächste Vorstellung des als Serie angelegten Projektes am 6. und 7. November im Haus der Kunst in München zeigen.