Ein Foto um 1920 zeigt den Bankier Max Steinthal, in Post und Akten vertieft, an seinem häuslichen Schreibtisch. Im Vordergrund ein Tisch mit Zeichnungen und Grafiken, im Hintergrund das Gemälde Die drei Segel von Joaquøn Sorolla y Bastida von 1903. Die Arbeit, die Liebe zur Kunst und die Familie waren der Lebensinhalt des 1850 geborenen langjährigen Aufsichtsratsmitglieds der Deutschen Bank und Financiers der Berliner U-Bahn.

Das Foto ist ein Schlüsselbild, das jetzt, fast 65 Jahre nach seinem Tod, in einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin gezeigt wird. Es ist ein Zeugnis einer verdrängten und nicht gewürdigten Lebensgeschichte, auch ein Stück deutscher Geschichte.

Bis zum 26. September werden im Jüdischen Museum die kürzlich restituierten Werke von Steinthals Kunstsammlung ausgestellt, bevor sie sortiert und mit einer Erwartung von mindestens sechs Millionen Euro bei Sotheby's zur Auktion gehen. Hauptwerke sind die Las Tres Velas von Bastida (2,2 bis 3,7 Millionen Euro) und Giovanni Segantinis La Raccolta delle Zucche (Die Kürbisernte, 1,8 bis 2,7 Millionen Euro). Die Ausstellung ist eine späte Erinnerung an den Sammler, dessen Werke als Leihgaben zeitweise im Alten Jüdischen Museum hingen.

1939 beendete das Naziregime die Karriere des jüdischen, gebildeten Großbürgers und seiner Familie. Sie musste ihre Villa in Charlottenburg räumen, und die Kinder flohen ins Ausland. Max Steinthal starb 1940, fast neunzigjährig, in einem Zimmer des Hotels Eden in Berlin. Seine Frau Fanny Steinthal beauftragte ihren nichtjüdischen Schwiegersohn Richard Vollmann mit der Testamentsvollstreckung. Dieser nahm einen Teil der Sammlung - rund 60 Kunstwerke - in sieben Kisten mit nach Dresden. Als der Geschäftsmann 1953 Republikflucht aus der DDR beging, wurde sein Besitz eingezogen. Die von der Erbengemeinschaft seit dem Jahr 2000 mit dem Restitutionsfall beauftragte Kunsthistorikerin und Raubkunst-Expertin Monika Tatzkow sagt: Die DDR-Behörden ließen von dem als ausländisches Eigentum deklarierten Kisteninhalt lieber die Finger und gaben ihn unverpackt zur treuhänderischen Verwahrung in das Depot der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die Erben meldeten bereits 1948 Anspruch auf Rückgabe an, ohne jedoch den genauen Aufenthaltsort der Kunstwerke zu kennen. So blieben diese über Jahrzehnte hin unerforscht.

Im Frühjahr dieses Jahres wurde den sieben Enkeln von Max Steinthal die Sammlung nach langwierigen Verhandlungen zurückerstattet. 40 Werke allerdings gelten noch als vermisst. Neben den Las Tres Velas von Bastida hat sich Sotheby's für Prestigeauktionen weitere 31 Werke herausgesucht. Dazu zählen etwa Meistergrafiken von Pablo Picasso, Edvard Munch, Jean François Millet und Edouard Manet. Außerden werden 14 weniger bedeutende Arbeiten an andere Auktionshäuser weitergereicht.

Das letzte museale Rendezvous der Werke Steinthals wird in dem von der Deutschen Bank finanzierten Begleitbuch zur Ausstellung (proprietas verlag) kommentiert. Im Geleitwort schlägt die Bank erstmals vorsichtig selbstkritische Töne zu ihrer Verhaltensweise im Dritten Reich an, sagt die Herausgeberin Monika Tatzkow, die unter anderem auch im Restitutionsfall der Zeichnung L'Olivette von Vincent van Gogh aus der Breslauer Sammlung Max Silberberg gegen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erfolgreich operierte.

1998 war sie auf den Aufenthaltsort in den Dresdner Sammlungen aufmerksam geworden, doch die Akteneinsicht war schwierig zu erwirken. Die große Flut habe ihrer Darstellung nach die Recherchen weiter hinausgezögert. Das widerspricht der Presseinformation von Sotheby's, nach welcher das Steinthal-Konvolut durch die Flut wundersam an Land gespült und neu inventarisiert wurde. Noch längst sind die Schätze der zwölf Häuser der staatlichen Kunstsammlungen in Dresden nicht katalogisiert. Allein das Kupferstichkabinett umfasst über 500 000 Blätter.