Alle akademische Höflichkeit war wie weggeblasen. Als die Professoren der beiden Hamburger Architekturhochschulen vor zwei Jahren davon hörten, dass ihre Institution in der jeweils anderen aufgehen könnte, brach eine Macht- und Schlammschlacht los, die als Beispiel dafür gelten muss, wie Reformdebatten nicht geführt werden sollten. Die Fachhochschule, die sich nach US-Vorbild lieber "Hochschule für angewandte Wissenschaft" nennt, stempelte die Studierenden der universitären Hochschule für Bildende Künste zu praxisfernen "Künstlerarchitekten". Eine Kunsthochschul-Professorin bezeichnete den Gegner öffentlich als "Spross einer Kreisberufsschule".

Von da an einte die Hochschulen nur noch ein Hang zur Selbstüberschätzung – und der Wille, die Architekturausbildung auf keinen Fall dem anderen zu gönnen. Ein Moderationsprozess, der zu einem gemeinsamen Konzept hätte führen sollen, scheiterte. Am Schluss mischte sich sogar noch ein dritter Streitpartner ein, die Technische Universität Harburg mit ihren Stadtplanern.

Anstatt sich mit dem kleinlichen Gezänk auseinander zu setzen, trieb der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger (parteilos) lieber eine radikale Projektvariante voran: eine neue Bauakademie, die höchstwahrscheinlich von den bisherigen Hochschulen unabhängig werden soll. Eine eigenständige "School of Architecture", die erstmals Architekten, Bauingenieure und Stadtplaner vereint, und zwar in repräsentativer Lage, mitten in der neuen Hafencity – eine Hochschule, die in einer Liga spielen könnte mit den viel gelobten Instituten der ETH Zürich oder der AA in London. Die Details sind noch unklar. Doch für das geplante repräsentative Gebäude hat der Hamburger Senat vergangene Woche das Geld bewilligt.

Es braucht ein Konzept und eine Stange Geld – beides fehlt noch

Neue Ideen sind gefragt in der Architekturausbildung. Sie ist eines der beliebtesten, aber auch eines der reformbedürftigsten Studienfächer: 123000 diplomierte Architekten gibt es in Deutschland, im Verhältnis zur Einwohnerzahl sind das fast dreimal so viele wie in Frankreich. Gleichzeitig spielt keine der deutschen Hochschulen für Architektur international eine Rolle. Nur die Hälfte aller heutigen Studenten wird dereinst im angestrebten Beruf tätig werden können. Baukrise und technische Umwälzungen haben das Berufsbild in den vergangenen Jahren stark verändert. Es gibt immer weniger Neues zu bauen – dafür nimmt der Bedarf an Umbauarbeiten zu.

Was tun? Lässt sich die Misere durch eine andere, bessere Architektenausbildung überwinden? In Hamburg kündigte sich die Revolution im Januar 2003 an – da stellte eine Kommission unter dem Vorsitz des ehemaligen Ersten Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi eine "Strukturreform für Hamburgs Hochschulen" vor, die für alle Fächer Vorschläge machte, besonders stark aber die Architektur umkrempeln wollte. Die Dohnanyi-Kommission schlug vor, die Zahl der Studierenden um ein Drittel zu reduzieren, ein Bachelor-/ Master-System einzuführen und die Ausbildung unter dem Dach der Fachhochschule zusammenzufassen. Die Ausbildung sollte verbessert, die Kosten gleichzeitig gesenkt werden. Die Kunsthochschule protestierte lautstark gegen diese Pläne und schaffte es, namhafte Architekten zu ihren Fürsprechern zu machen.

Von allen Vorschlägen war eine Neugründung die radikalste Variante, nun wird sie wahrscheinlich den Vorzug erhalten. In der trägen Hochschulpolitik ist ein derart dezidierter Schritt ungewöhnlich – doch er passt zum Politmanager Dräger, der einst bei der Unternehmensberatung Roland Berger tätig war und die dort erlernten pragmatischen Rezepte nun auch in seiner Behörde anwendet. Es bleibt ihm auch kaum etwas anderes übrig. Die beiden bestehenden Hochschulen bekriegten, beschimpften und beleidigten sich im Verlauf der Verteildebatte gegenseitig so sehr, dass eine Zusammenarbeit kaum noch möglich ist.

Nun wird es also eine Bauakademie, die weder den einen noch den anderen bevorzugt. Eine gute Lösung, sollte man denken. Und doch: Bisher ist diese Idee wenig mehr als eine sehr große Hülle; es fehlt jede Substanz. Internationale Attraktivität entsteht nicht per Dekret und nicht durch Marketing, sondern durch die Qualität der Lehre und durch ein überzeugendes Profil, das die Frage beantwortet: Was für Architekten werden in Zukunft gebraucht? Wie soll man sie ausbilden? Solange dies nicht geklärt ist, bleibt Hamburgs neues Klotzen nur eine besonders bombastische Ablenkung von den eigentlichen Problemen bei der Erneuerung des Studiengangs.