Deutschland gegen Brasilien – das war bislang das Aufeinanderprallen zweier Fußballwelten: Handwerker die einen, Künstler die anderen, oder, um in der Metaphorik des Sports zu bleiben, ein Duell von Holzhackern gegen Florettfechter. Dass „Klinsis“ Jungs beim gestrigen Freundschaftsspiel gegen Brasiliens „Selecao“ ordentlich treten, faulen und umholzen würden, galt nach Meinung der selbst ernannten Fußballweisen und Fernsehexperten eigentlich als unumstößliche Tatsache.

Zumindest in der Anfangsphase läuft auch alles wie prophezeit. Der junge Bremer Fahrenhorst fällt den Brasilianer Edu an der Strafraumgrenze. Ronaldinho lupft den anschließenden Freistoß über die sprungfaule deutsche Mauer ins Tor von Olli Kahn. Doch anders als sonst wirken die Bundeskicker nach dem Gegentreffer nicht wie örtlich betäubt. Sie halten dagegen, spielen schnell und kombinieren sogar recht ansehnlich.

Keine Spur mehr von den Grottenkicks der letzten Jahre, deren Übertragung im Fernsehen eher etwas für Masochisten denn für Fußballästheten gewesen ist. Allgemeines Erstaunen, ja Begeisterung im weiten Rund des Berliner Olympiastadions: „Und wissen Sie, was die wirklich gute Nachricht ist?“, lautet die rhetorische Frage eines emphatisch kommentierenden Johannes B. Kerner: „Deutschland spielt Fußball!“ Bei so viel Sachverstand des Sportreporter-"Frechdachses" schweigt der Zuschauer betreten ob seiner eigenen Unwissenheit.

Die südamerikanisch anmutende Spielfreude der Deutschen wird schließlich mit dem Ausgleich durch Kevin Kuranyi belohnt. Bisweilen spielen sie mit den amtierenden Weltmeistern sogar Katz und Maus. So kann es weitergehen, so muss es weitergehen in der zweiten Halbzeit, denn – man richte ein Stoßgebet an den verstorbenen Fußball-Philosophen Sepp Herberger – ein Spiel dauert eben 90 Minuten. Leider geht es so nicht weiter. In der zweiten Hälfte verflacht die Partie zusehends. Die junge deutsche Verteidigung wirkt unsicher und lässt manche Chance für Superstar Ronaldo zu, die dieser allerdings nicht nutzen kann. Es bleibt bei einem insgesamt gerechten Unentschieden.

Das Fazit: Nicht alles bei den Deutschen war so weithin glänzend wie der goldene Blondschopf von Jürgen Klinsmann. Doch auf der Leistung seiner Schützlinge kann der Bundestrainer in den noch kommenden Freundschaftsspielen vor der WM 2006 aufbauen. Der frische Wind, für den „Klinsi“ mit seinen unkonventionellen Trainingsmethoden gesorgt hat, wirbelte nicht nur den Blätterwald der Sportgazetten ordentlich auf. Auch die sensiblen und von Versagensängsten gequälten Nationalkicker ließen sich von der Vitalität des neuen Chefs anstecken. So erwies sich der lustig anzusehende "Krebsgang" der Spieler im Training nicht als abstruse „Kopfgeburt“ des neuen Bundestrainers zur Ausdauerverbesserung, sondern als vor allem psychologische Maßnahme. Die deutsche Nationalmannschaft sollte erst einmal wieder ganz neu gehen lernen, bevor sie anfängt zu spielen, oder – mit den Worten von Fußballfan Günter Grass – „rückwärts krebsen, um voranzukommen“.