Die Nachricht kommt daher wie eine Lokalmeldung, doch sie markiert eine Wende in der deutschen Bildungspolitik: Die Leistungen von Hamburgs Viertklässlern in Deutsch und Mathematik sind innerhalb von sieben Jahren deutlich besser geworden. Gemessen am Unterrichtsstoff, sind die heutigen Schüler ihren Vorgängern am Ende der Grundschulzeit im Lesen um ein halbes Jahr voraus, in Mathematik gar um ein ganzes Schuljahr. Das zeigt eine Studie, die der Hamburger Bildungsforscher Wilfried Bos vergangene Woche vorgelegt hat (Kess – Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern). Im Bundesländervergleich stieg die Hansestadt vom Niveau des Lokalrivalen Bremen auf das von Nordrhein-Westfalen – recht ordentlich für einen Stadtstaat mit vielen sozialen Brennpunkten.

Damit feiert eine neue Art der Schulpolitik und der Schulverwaltung ihren ersten großen Erfolg. Sie setzt auf Tests, mit denen die Leistung der Schüler verschiedener Schulen verglichen wird. Eine gezielte Förderung wird möglich, deren Erfolg wiederum durch Nachtests überprüft wird.

Lange Zeit wurden Schulforscher als Erbsenzähler beschimpft

Bildungsexperten sprechen vom Übergang zur "Output-Steuerung" der Schulen. Das Ergebnis der Arbeit der Schulen, der "Output" also (vorwiegend die Schülerleistungen), wird gemessen, um die Schulqualität zu sichern. Bislang sollte die an Deutschlands Schulen über den "Input" gewährleistet werden: Vermeintlich gut ausgebildete Lehrer und akribisch verfertigte Lehrpläne galten als Garanten für die gute Schule. Welche Leistung die Schüler – und damit die Schulen – tatsächlich erbrachten, blieb im Dunkeln. Für die Öffentlichkeit brachten erst internationale Schulstudien wie Pisa die sichere Erkenntnis, dass deutsche Schulen bestenfalls Mittelmaß sind. Die Input-gesteuerte Schulverwaltung – sie war gescheitert.

Die Hamburger Bildungsbehörde, damals noch unter SPD-Regie, setzte schon Mitte der neunziger Jahre auf den Zweiklang von Leistungstests und Förderung – ein Weg, an dem die amtierende Bildungssenatorin der CDU-Regierung, Alexandra Dinges-Dierig (parteilos), festhält. 1994 wurde nach einem Lesetest das Förderprogramm Plus (Projekt Lesen und Schreiben für alle) aufgelegt. 1999 wurde Prima (Kinder der Primarstufe auf verschiedenen Wegen zur Mathematik) gestartet. Zuvor hatte der Berliner Erziehungswissenschaftler Rainer Lehmann 1996 in einer Vorläuferuntersuchung zur Kess-Studie die Leistungen aller Hamburger Fünftklässler abgeprüft. Das sei zu der Zeit nicht unproblematisch gewesen, erinnert sich Lehmann. "Wir wurden von anderen Pädagogen als Erbsenzähler beschimpft." Der Personalrat der Lehrer klagte vor Gericht gegen Fragen etwa zum Verhalten der Pädagogen im Unterricht. Dass Leistungsstudien inzwischen an Schulen mehr und mehr normal werden würden, war zu der Zeit noch utopisch.

Das Erfolgsrezept von Plus klingt zunächst recht einfach: massiver Mitteleinsatz. Die Stundentafel – sie zeigt den Unterricht, den Schüler im Laufe der Grundschule besuchen müssen – wurde ausgebaut, 163 Förderstellen wurden gebündelt, so genannte Schriftsprachberater ausgebildet. Sie sollen, wie es in einer Drucksache des Senats verquast heißt, "für die Prävention von Lernschwierigkeiten und für die Konzeption individueller Fördermaßnahmen zur Verfügung stehen".

Auf Deutsch: Der Unterricht wurde besser. Ein Jahr lang ließen sich Fachlehrer fortbilden, lernten neue Konzepte der Sprachförderung kennen, gaben sie an ihre Kollegen weiter – und halfen dann im Unterricht mit. Im bürgerlichen Hamburger Stadtteil Eppendorf setzte sich etwa der Schriftsprachberater als Zweitlehrer in den Unterricht, half den schwachen Schülern. Im Problemquartier Dulsberg gaben die Berater parallel zur normalen Deutschstunde Extraunterricht. "Kein Nachhilfeunterricht, sondern Förderunterricht" nennt das Peter May vom Landesinstitut für Lehrerbildung, einer der Väter des Projekts.