Der Tod kommt mit dem Ruf "Allah ist groß", er kommt massenhaft und kennt kein Tabu: mindestens 335 ermordete Geiseln in der nordossetischen Stadt Beslan – unter ihnen zum ersten Mal 156 Kinder, viele von ihnen gezielt erschossen. Die beiden Terroranschläge in den Tagen zuvor wirken in der Rückschau wie eine blutige Overtüre zu dem Massaker an der Schule: Zehn Menschen reißt eine Tschetschenin mit in den Tod, als sie sich vor der Moskauer U-Bahn-Station Rischskaja in die Luft sprengt. 88 Menschen sterben, als zwei tschetschenische Selbstmordattentäterinnen fast zeitgleich zwei russische Passagiermaschinen vom Himmel reißen.

Und nun Beslan. Auch wenn die genaue Zahl der Toten noch immer nicht klar ist – fest steht, dieser Anschlag war der schlimmste Terrorakt seit dem 11. September 2001. Aber steht dieses Massaker auch in einer Linie mit den Al-Qaida-Angriffen auf New York und Washington? Auf den ersten Blick nicht.

Denn diesmal sind die Täter nationalistische Islamisten. Sie stammen aus Inguschetien, aus Nordossetien – und natürlich vor allem aus Tschetschenien, und ihr gemeinsames Ziel ist es, Präsident Putin und seine Staatsmacht zum Abzug aus der Kaukasusrepublik zu zwingen. Doch trotz dieses klaren Motivs, trotz der Tatsache, dass in Tschetschenien 80000 russische Soldaten seit einem Jahrzehnt einen grauenhaften Vernichtungsfeldzug führen, dass der blutige Konflikt über 200000 tote Zivilisten, unter ihnen Zehntausende von Kindern, gefordert hat und dass Geiselnahmen und blutige Anschläge die wechselhafte Geschichte des Kaukasus durchziehen – trotz alledem verändert der tschetschenische Terror allmählich sein Gesicht. Er trägt immer öfter Züge von al-Qaida. Die Geiselnehmer von Beslan mussten wissen, dass ihre Mission ein Himmelfahrtskommando war. Nach außen verlangten die todesbereiten Täter Freiheit für Tschetschenien – und in der Turnhalle schrien sie "Allahu Akbar", bevor sie das Feuer auf die am Boden liegenden Geiseln eröffneten. Das war Terrorismus nach Märtyrer-Art.

Ein bisschen Gotteskrieg, ein bisschen Befreiungsbewegung

Hat Wladimir Putin also Recht, wenn er behauptet, er kämpfe im Süden seines Imperiums gegen die Internationale der islamistischen Gotteskrieger? Ja und nein. Das Ja begründet ein ranghoher deutscher Sicherheitsexperte, der sämtliche Terrorregionen dieser Welt bereist hat, so: der Ruf einiger tschetschenischer Rebellengruppen nach einem islamischen Gottesstaat; der Märtyrertod; die hemmungslose Mordlust, die selbst vor Kindern nicht zurückschreckt; die Inszenierung der massenhaften Gewalt, um in die Medien zu kommen; die Prediger, die Söldner und freiwilligen Kämpfer aus islamischen Staaten; der Versuch radikaler Islamisten, muslimische Gruppen zwischen Dagestan und Nordossetien zu unterwandern; das viele Geld und die Koranbücher saudischer Wahhabiten – all das spreche für die allmähliche al-Qaidaisierung des tschetschenischen Terrors.

Doch das Nein zu Putins Behauptung folgt auf dem Fuß. Selbst wenn Osama bin Laden unschädlich gemacht würde, sagt der Sicherheitsexperte, selbst wenn al-Qaida und das islamistische Netzwerk vernichtet würden – die tschetschenischen Rebellen würden trotzdem weiterbomben. Denn ihr nationaler Konflikt, die Besetzung ihrer Heimat durch russische Truppen, bliebe bestehen. Die Gewalt im Kaukasus ist eben eine Mischung aus allem: ein bisschen islamischer Gotteskrieg, ein bisschen uralter Völkerstreit, ein bisschen nationale Befreiungsbewegung (siehe auch Seite 2).

Dagegen trug der Terror des 11. September ein eindeutiges Gesicht. Die Täter waren Schüler von Osama bin Laden, der Hassgegner hieß Amerika, die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon waren jahrelang vorbereitet worden. Es gab eine Organisation, eine Führung um den Terrorscheich in Afghanistan und eine fast militärische Befehlskette. Diese "Kern-al-Qaida" ist heute empfindlich geschwächt.

Nach den Attentaten vom 11. September bombardierte die Nato-Allianz Afghanistan. Das Taliban-Regime wurde vertrieben, die Al-Qaida-Trainingslager wurden vernichtet, Osama bin Laden und seine Mannen mussten in die Berge fliehen. Im Krieg gegen den Terror gelang es, etliche Al-Qaida-Führer zu liquidieren oder zu verhaften. Die wichtigsten drei – Osama bin Laden, der Ägypter Sawahiri und der Jordanier al-Sarqawi – leben zwar vermutlich noch, aber ihre Organisation ist zerrüttet. Um zu überleben, splitterte sie sich auf und regionalisierte sich.