Der Weg zur Erkenntnis ist bekanntlich einer der längsten und erfolgt oft über mehrere Etappen. Bisweilen ist dann das Ergebnis dem Ausgangspunkt gar nicht so unähnlich. Auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries beschritt jenen Pfad und legte an den Wegbiegungen Gesetzesentwürfe zum Großen Lauschangriff vor. Besonders umstritten war an der novellierten Form, dass in bestimmten Situationen auch bei Berufsgeheimnisträgern, also bei Anwälten, Ärzten, Journalisten und Priestern, angezapft werden durfte. Zuletzt teilte die Sprecherin des Bundesjustizministeriums mit, dass die ursprüngliche Regelung, nach der das Abhören bei den genannten Berufsgruppen unzulässig ist, aufrecht erhalten bleibt.

Dies ist eine weise Entscheidung. Denn der nun überholte Gesetzesentwurf vom Juni sah eine faktisch unmögliche Trennung zwischen abhörzulässigen Sujets wie etwa Hobbys oder Wetter und vertraulichen Patienten-, Mandanten-, Beicht- oder Informantengesprächen vor. Von Fall zu Fall hätte neu entschieden werden müssen, ab wann weggehört werden muss. Fehler wären vorprogrammiert gewesen und das Zeugnisverweigerungsrecht zur Farce geworden.

Der Lauschangriffsentscheid zeigt auch, was Protest bewirken kann. Gemeinschaftlich hatten Politiker und Berufsverbände gegen Zypries' Gesetzesentwurf die Stimme erhoben. Die Grünen-Politikerin und Justizministerin von Schleswig-Holstein, Anne Lütges, empfahl der Bundesjustizministerin "es noch mal neu zu versuchen", der Vize des Deutschen Anwaltsverein (DAV), Georg Prasser, betonte, dass ein "unantastbarer Kern privater Intimsphäre" letzthin die Menschenwürde  ausmache und der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Michael Konken, erklärte, der praktische Wegfall des Informantenschutzes mache die Pressefreiheit zur Makulatur. Er sprach von dem "tiefsten und schlimmsten Eingriff in die Pressefreiheit seit der Spiegel-Affäre".

Diese Vergleiche erinnern an eine andere Debatte aus jüngster Zeit. Wie im Caroline-Urteil, das der Berichterstattung über das Privatleben Prominenter engere Grenzen setzt, geht es hier um widerstreitende Interessen. Der Pressefreiheit stehen beim Caroline-Urteil die Achtung des Privatlebens, beim Großen Lauschangriff die Kriminalitätsbekämpfung gegenüber. Doch es gibt entscheidende Unterschiede: Greifen Paparazzi-Urlaubsphotos unzweifelhaft in das Recht der Abgebildeten auf Privatsphäre ein, so wird die Kriminalitätsbekämpfung durch das Abhörverbot von bestimmten Berufsgruppen nicht unweigerlich behindert. Wie es in einem Leitartikel der Financial Times Deutschland hieß: "Islamische Terroristen beichten nicht dem Pfarrer, dass sie einen Anschlag planen und sie erzählen es nicht Journalisten". Die Gefahr durch Terroristen hatte Innenminister Otto Schily als Argument für den erweiterten Lauschangriff genannt. Weiterhin wäre das öffentliche Interesse, das durch das Caroline-Urteil nicht tangiert wird (da letzteres nicht greift, wenn Prominente etwa private Dinge mit öffentlichen Aufgaben verquicken) durch eine Änderung im Lauschangriffsgesetz sehr wohl korrumpiert worden. Denn ausgerechnet die Aufdeckung von Skandalen und Verbrechen - welcher der Große Lauschangriff schließlich dienen soll - wäre beeinträchtigt, wenn die Anonymität von Informanten nicht gewährleistet werden könnte.

War das Caroline-Urteil vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angeregt worden, so wäre eine Ausweitung des Lauschangriffs auf Berufsgeheimnisträger dem Auftrag des Bundesverfassungsgerichts vom März diesen Jahres geradezu entgegengelaufen. Darin hieß es, dass die Praxis des Großen Lauschangriffs zu großen Teilen verfassungswidrig sei, gegen den Schutz der Menschenwürde verstöße und somit neu geregelt werden müsse. Da liegt es eigentlich nicht nahe, den Einzugskreis der Abzuhörenden zu erweitern. Der Weg der Erkenntnis hat aber doch weiter geführt als bis zum Ausgangspunkt zurück. Denn durch Zypries Umkehr ist das für die genannten Berufsgruppen unerlässliche Zeugnisverweigerungsrecht erneut gefestigt worden.