Der Vietnam-Krieg kostet - auch dreißig Jahre nach seinem Ende - noch immer Menschenleben: Erst am vergangenen Mittwoch sind sechs Vietnamesen durch die Explosion einer alten Granate aus den Kämpfen mit den Amerikanern umgekommen, vier erlitten Verletzungen. Vietnam ist immer noch ein aktuelles Thema - auch und gerade in den USA. Dort könnte der Krieg die Glaubwürdigkeit und vielleicht auch die Wahlchancen der zwei Hauptkandidaten im diesjährigen Präsidentschaftswahlkampf, Bush und Kerry, entscheiden.

Seit Monaten köchelt das Thema, ob John Kerry die fünf Medaillen, die er im Vietnam-Krieg erhalten hat, zu Recht bekommen hat. Angestoßen wurde die Debatte vor allem durch die "Swift Boat Veterans for Truth" - eine Gruppe von etwa 260 Vietnam-Veteranen, die im Frühjahr mit einer Pressekonferenz und im Internet, dann später mit mehreren Fernsehspots und in einem 200 Seiten starken Buch ("Unfit for Command") Kerrys Kriegs-Vergangenheit in Frage stellten. Dass es hier nicht um die Aktivitäten von eifrigen Hobby-Historikern geht, sondern um harten politischen Wahlkampf, belegt die Tatsache, dass ein Rechtsberater der Bush-Kampagne Hilfestellung bei der Öffentlichkeitsarbeit gegeben hat. Hinzu kommt, dass einer der zwei Autoren des Buches "Unfit for Command", John O'Neill, schon 1971 von Nixon beauftragt worden war, gegen Kerry öffentlich in Stellung zu gehen. Eine PR-Beraterin, die früher für die Reagan-Regierung gearbeitet hat, soll ebenfalls den Schnellboot-Veteranen geholfen haben.

Seit sich aber die Matadoren der Anti-Kerry-Kampagne in Widersprüche über ihren eigenen und Kerrys Einsatz in Vietnam verstrickt haben, versucht die Veteranen-Organisation vor allem, den Blick auf die Aktivitäten des demokratischen Kandidaten nach 1971 zu lenken und das Bild eines unloyalen Aktivisten zu zeichnen, der den eigenen Kameraden an der Front in den Rücken fiel. Kerry hatte damals eine Gruppe namens "Vietnam Veterans against the War" angeführt und im Kongress über amerikanische Kriegsverbrechen in Vietnam berichtet. Die "Swift Boat Veterans" klagen nun an: Kerrys Aussagen, amerikanische Soldaten hätten in Vietnam Kriegsverbrechen begangen, wären von Vietcong benutzt worden, um US-Kriegsgefangenen Geständnisse zu abzupressen. Ein Foto, das Kerry mit Vietnamesen zeigt, soll den Demokraten als Kommunisten-Freund denunzieren.

Woher speist sich dieser geballte Zorn - außer durch Republikanisches Know-how und Geld? Er ist zum einen Reaktion auf die massive Vietnam-Heroisierung, die die Kerry-Kampagne betreibt. Wie kaum ein Präsidentschaftskandidat vorher hat John Kerry seine Vietnam-Vergangenheit benutzt, um das Image der Liberalen als Weicheier in Sicherheitsfragen abzustreifen und sich als kriegserfahren, hartgesotten und zugleich mitmenschlich darzustellen. Dies gilt nicht nur für den Wahlkampf des Jahres 2004. Seit 1984, seit seiner ersten Kandidatur für den Senat, hat Kerry auf diese Karte gesetzt und Unterstützung der  "Veterans Brigade for Kerry" erhalten. Freunde und Kameraden aus der Zeit des Militärdienstes begleiten ihn heute wie damals bei Wahlkampfauftritten und bezeugen auch in TV-Spots die charakterlichen Stärken des Schnellboot-Kapitäns Kerry. Der Parteitag der Demokraten im Juli geriet zu einer einzigen Verbeugung vor dem Vietnam-Veteranen. Absurderweise ist die grausame Wirklichkeit des Irak-Krieges und damit eine der Hauptangriffsflächen des amtierenden Präsidenten in den Hintergrund des Wahlkampfes getreten. Das gleiche gilt für die Wirtschaft, einer der inhaltlichen Dreh- und Angelpunkte jedes amerikanischen Wahlkampfes.

Zum anderen werden im derzeitigen verbalen Schlachtengetümmel um den Vietnam-Einsatz Kerrys auch alte Rechnungen der Nachkriegs-Zeit beglichen. Kerry hat damals viele Veteranen durch seine pauschalen Äußerungen über amerikanische Kriegsverbrechen verletzt. Die Wunde wirkt bis heute nach. Viele fühlen sich von ihm verraten. Das gleiche sagen aber ehemalige Mitstreiter Kerrys von "Vietnam Veterans against the war", die sich 2003 Demonstrationen gegen den derzeitigen Irak-Krieg angeschlossen haben und sich wundern, wieso Kerry im Oktober 2002 mit anderen Senatoren dem Präsidenten die Autorität gab, in den Krieg zu ziehen.

Angriff ist noch immer die beste Verteidigung. Und so erhält Kerry Schützenhilfe aus Texas, wo Gruppen namens "Austin for Kerry" and "Texans for Truth" versuchen, den Blick von Kerrys Militär-Zeit auf die des Präsidenten zu lenken. Demokraten haben dort den Politik-Berater Ben Barnes ins Rennen geschickt und werden nächste Woche auch TV-Spots schalten. Barnes, ehemaliger stellvertretender Gouverneur von Texas und Demokrat, hatte bereits im Mai auf einer Wahlparty erklärt, er habe dem jungen Bush 1968 geholfen, bei der National Air Guard des Staates unterzukommen und damit der Einberufung nach Vietnam zu entgehen. Dieses Statement hat zunächst nur im Internet als Videoclip für Aufruhr gesorgt. In einem Interview mit dem Fernsehsender CBS gestern hat Barnes seine Aussage nochmals wiederholt. Zugleich hat CBS auch neue Dokumente und Zeugen für die These präsentiert, dass Bush Aufforderungen zum Piloten-Training und zu ärztlichen Untersuchungen nicht nachgekommen ist und auch seine sechsjährige Pflichtzeit nicht erfüllt hat. So wird versucht, den selbsternannten Kriegspräsidenten nicht nur zum Vietnam-Drückeberger zu machen, sondern ihm auch Nachlässigkeit und Unzuverlässigkeit anzuhängen.

Schon 1999 kamen Vorwürfe dieser Art hoch. Ben Barnes soll damals ein Schweigegeld in Höhe von 23 Millionen Dollar bekommen haben. Bushs Umgehung eines Einsatzes in Vietnam spielte jedoch keine Rolle im anschließenden Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2000. Al Gore hat dieses Thema nicht genutzt, da auch der gerade aus dem Amt scheidende demokratische Präsident Clinton sich der Einberufung entziehen konnte. 2004, in einem Wahlkampf, in dem es sehr stark um charakterliche Eigenschaften der Kandidaten geht, wird diese Karte jedoch von den Demokraten gezogen. Sie mag auch Reaktion sein auf sinkende Werte für Kerry in aktuellen Umfragen, die nach der Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit der Kandidaten fragen. Hierin schneidet Bush deutlich besser ab.