Fröhlich wurde in den vergangenen Tagen wieder auf das deutsche Bildungssystem eingedroschen. Anlass diesmal: die internationale Vergleichsstudie Bildung auf einen Blick der OECD, die am Dienstag in Berlin vorgelegt wurde.
Geht es mit Deutschlands Schulen und Hochschulen weiter bergab? Viele Presseberichte erwecken diesen Eindruck. Da ist von einer "vernichtenden Bilanz" und einem "weiteren Abfallen" des deutschen Bildungssystems zu lesen. Anklagend fragt die Fernsehmoderatorin ihren Interviewpartner: "Weshalb hat sich drei Jahre nach der Pisa-Studie noch nichts getan?"

Die Wahrheit ist: Es hat sich sehr viel getan im Bildungsdeutschland der vergangenen Jahre. Die Wende zum Besseren wurde in der Schul- und Hochschulpolitik längst eingeleitet. Bis sie Resultate zeitigt, die auch von der OECD gemessen werden können, werden aber noch Jahre vergehen.
Alarmierend sind die Befunde der OECD-Studie gleichwohl (siehe Seite 40): Deutschland investiere im internationalen Vergleich zu wenig in die Bildung (5,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; in den USA sind es 7,3). Es fördere seine Schüler zu wenig und bringe nicht genügend Akademiker hervor (ein Fünftel eines Altersjahrgangs; der OECD-Schnitt liegt bei einem Drittel). Es investiere zu wenig in die Vor- und Grundschulen und lasse den Schulen kaum Freiheit beim Einstellen neuer Lehrer. Das alles ist nicht neu (die aktuellen Zahlen stammen aus dem Jahr 2002), aber der Hinweis auf diese Probleme kann nicht schaden.
Doch die Kultusminister, viele Lehrer und Professoren, haben sie erkannt und sind dabei, ihre Hausaufgaben zu machen.
Nach den ideologischen Schlachten der siebziger Jahre und der Stagnation in den Achtzigern setzte in den Neunzigern parteiübergreifend eine Hinwendung zum Pragmatismus ein. Ein sozialdemokratischer Kultusminister pries die "Kultur der Anstrengung" und machte den Begriff der Leistung in der SPD-Schulpolitik wieder heimisch. Konservative Kultusministerinnen wiederum entdeckten die Vorteile von Ganztagsschulen und verbanden damit nicht mehr den Untergang der Familie.
Mit Zentralabitur und bundesweit vergleichbaren Bildungsstandards wollen Rote wie Schwarze der Schule ein Gerüst zur Qualitätssicherung einziehen. Die Lehrerausbildung wird stärker auf die Praxis der Pädagogen zugeschnitten. Vor der Grundschule werden die Kinder auf ihre Deutschkenntnisse geprüft. Kindergärten werden zunehmend auch als Bildungseinrichtung gesehen. An den Hochschulen werden die Diplom- und Magister-Studiengänge von aufeinander aufbauenden Bachelor- und Master-Studiengängen abgelöst.
Bei allem Chaos und Gemurkse im Detail: So viel Bildungsreform war nie.
Sogar eine regelrechte Kulturrevolution im deutschen Bildungswesen hat die viel gescholtene Kultusministerkonferenz ausgelöst - mit dem Beschluss, ihre Arbeit durch die Pisa-Studie überprüfen zu lassen. Regelmäßige Leistungsstudien gehören nun auch hierzulande zum Standard der Bildungspolitik und werden ein ständiger Ansporn sein, die Schulen besser zu machen.
Die ebenfalls häufig kritisierte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) darf sich durch die OECD-Studie direkt bestätigt sehen. Ausdrücklich gelobt wird darin der Ausbau der Ganztagsschulen (siehe Seite 83) und der wachsende Anteil von Ausländern an den Studenten - beides von ihr gefördert.
Länder wie Holland oder Schweden, deren Bildungssystem besser in Schuss ist als das unsere, haben mit den Reformen zu einer Zeit begonnen, als Deutschland in akademische Debatten über Leistung und Gerechtigkeit verstrickt war. Wer nach Pisa in Deutschland schnellere Verbesserungen erwartet, ist ein Träumer.

Dennoch ist es gut, dass die OECD aufs Tempo drückt. Denn nur, wenn der Druck der Kritik anhält, kann die Bildungspolitik ihre starke Rolle behalten. Der nötige weitere Um- und Ausbau von Schulen und Hochschulen wird nämlich nicht umsonst zu haben sein. Mit der Studie haben die Kultusminister ein starkes Argument gegenüber den Finanzministern. Die OECD, die Denkfabrik der Industrieländer, hat schließlich vor allem die Wirtschaftskraft der Staaten im Auge. Und betont deshalb die hohe Rendite von Bildungsinvestitionen. Sie ist höher als etwa die von Eigenheimzulagen.