Man muss nur auf die Hände achten. Wie asynchrone Uhrenpendel bewegen sie sich völlig unabhängig voneinander vor dem Oberkörper und zirkeln kleine, exakte Figuren in die Luft. Dazu schnappen von Zeit zu Zeit die Handteller wie Kamerablenden in kurzer Belichtungszeit auf und zu. Impulsstark knickt hier ein Gelenk ab und berühren sich dort, Präzision einfordernd, die Spitzen von Zeigefinger und Daumen. So dirigiert nur Pierre Boulez. Da kann die Musik sich noch labyrinthisch verzweigen oder tumultös außer sich geraten, der Stoiker mit der hohen Stirn und den wachen Augen gibt immer nur klare, knappe Zeichen. Nie würde er vor einem Orchester anfangen, mit den Armen über dem Kopf zu rudern und den Oberkörper expressiv im Rausch der Klänge zu biegen. Nicht einmal einen Taktstock nimmt er in die Hand.

Der Komponist und Dirigent Pierre Boulez gestaltet Musik nur mit den Unterarmen, den Handwurzelgelenken und den Fingern. Seine Gesten sind perfekt durchrationalisiert, eine Signalanlage, die auch bei den schwierigsten Partituren tadellos funktioniert. Das wirft man ihm dann gerne vor: dass er den Stücken kühl bis ans Herz gegenübertrete und seine Interpretationen mit dem Rechenschieber ertüftele. Was natürlich nicht stimmt. Wer sein Dirigieren genauer beobachtet, beginnt schnell zu staunen über die fließende Selbstverständlichkeit und Geschmeidigkeit seiner Zeichengrammatik und hat irgendwann das Gefühl, dass das Erfassen und das Darstellen des Notentextes bei ihm zusammenfallen. Dass Boulez die Musik gleichsam mit den Händen denkt. Strukturklar und unangestrengt, mit dem Esprit eines Blitzgescheiten.

Beim Musikfestival in Luzern hat sich Boulez in den vergangenen Wochen ganz genau auf die Finger schauen lassen. In einer neu gegründeten Akademie für zeitgenössische Musik, die er selbst mit ins Leben gerufen hat, versammelten sich 120 junge Musiker aus 33 Ländern: Sie bilden einen kurzen Sommer lang ein Orchester, das sich ausschließlich mit Gegenwartsmusik befasst. Die Werke, die der Meister den Studenten auf die Notenpulte legen ließ, gehören zu den harten Nüssen des Repertoires: seine eigenen Notations, Vertracktes von Harrison Birtwistle, Hans-Peter Kyburz und Elliott Carter, zwischendurch ein bisschen Anton von Webern zum Verschnaufen.

Boulez hat Konzerte einstudiert, einen Meisterkurs für Dirigenten gegeben und sogar Stücke proben lassen, die noch gar nicht fertig sind. Zwei junge Komponisten durften Erstfassungen von Partituren vorlegen, die erst im nächsten Jahr uraufgeführt werden. Boulez hat sie, ein einmaliger Service in der Neue-Musik-Szene, mit dem Orchester schon einmal vorab zum Klingen gebracht, um sie dann zur weiteren Überarbeitung zurückzugeben.

Die Lucerne Festival Academy ist ein Projekt ganz nach dem Geschmack des französischen Komponisten: himmelhoch im künstlerischen Anspruch, effizient in der Organisationsstruktur und immer konzentriert auf das Wesentliche. Eine Arbeitsorgie. Bei einer öffentlichen Gesprächsrunde in der Endprobenphase erklärte eine Geigerin, das Orchester wünsche sich vor allem zwei Dinge, einen Masseur für die vielen schmerzenden Schultern und ein bisschen mehr Schlaf als der, der nach zwölf Stunden am Instrument übrig bleibe. Worauf Boulez nur trocken erwiderte, man müsse in der Musik immer mehr fordern, als am Ende zu erreichen möglich sei. Boulez, der unerbittliche Kunstpreuße aus Paris.

Mit seinen 79 Jahren sitzt er selbst nach neun Probenstunden noch ganz entspannt vor den Musikern und lässt an rhythmischen Details feilen. Viel entspannter jedenfalls als seine Dirigierschüler. Fachlich hochgerüstet, treten sie ans Pult, mit Noten unter dem Arm, die vor farbigen Eintragungen nur so wimmeln. Selbstbewusst straffen sie den Körper vor dem Orchester und heben trotzig das Kinn. Aber das flaue Gefühl in der Magengegend können sie trotzdem nicht unterdrücken, denn hinter ihnen spitzt eine wahre Kompanie an Experten die Ohren. Neben Boulez sitzen die Komponisten der aufgelegten Werke bereit, um korrigierend einzugreifen. Außerdem gibt es noch den Assistenten Cliff Colnot, der die Jungdirigenten vorab in einem Trockenkurs präpariert hat, die Mitglieder des Pariser Ensemble Intercontemporain, die die Orchestermusiker jenseits der Hauptproben in Einzelsitzungen coachen, den Club der kritischen Dirigierschüler, die zur aktiven Teilnahme nicht zugelassen wurden, und das Luzerner Fachpublikum.

Eigentlich sind die Jungdirigenten (drei Frauen und ein Mann) gekommen, um sich den musikalischen Feinschliff zu holen, handwerkliche Finessen, interpretatorische Anregungen, gehobene Stilkorrekturen. Doch Boulez reitet freundlich, aber unnachgiebig vor allem auf Elementarübungen herum: Wie der Schlagarm noch viel lockerer zu führen wäre, wie die unbetonte Zählzeit sich klarer vermitteln ließe, wohin der Blick sich rechtzeitig zu wenden habe, damit die Phrasierung tatsächlich zu leben beginnt. Nerviger Anfängerkram, scheinbar. Aber für Boulez lässt sich nur daran der entscheidende Unterschied zwischen Kunst und Nichtkunst festmachen. Das musikalisch tief Empfundene ist er nicht bereit zu trennen vom perfekt Gemachten. Die Beherrschung des Metiers geht ihm über alles, beim Komponieren wie beim Dirigieren.

Sein Komponistenkollege Wolfgang Rihm hat es in einer Laudatio einmal so formuliert: Bei Boulez sei "das Handwerk bereits als Erfindung des Handwerkszeugs integraler Bestandteil der Imagination und nicht ein abgetrennter mechanistischer Baukasten für jede Gelegenheit". Was das angeht, können die Dirigierstudenten in Luzern noch eine ganze Menge von ihrem Lehrer lernen. Wenn er zum Beispiel eine zwölftönige Anton-von-Webern-Phrase so selbstverständlich und süffig vorsingt, dass man für einen kurzen Moment glaubt, der Traum des Wiener Komponisten, seine Musik werde irgendwann einmal wie Kinderlieder auf der Straße gesungen, könne vielleicht doch noch in Erfüllung gehen. Oder wenn er eine rhythmisch heikle Stelle mit kleinen, punktgenauen Bewegungen der Rechten durchmetrisiert, als wische er ein paar Krümel von der Partitur, während seine Eleven steif die Zählzeiten schlagen, als wollten sie Pfosten für einen Gartenzaun einrammen.