Begeisterter Empfang für Edelgard Bulmahn (SPD), die Bundesbildungsministerin, an der Waldhofschule im brandenburgischen Templin: Angefeuert von ihrem Parteifreund Steffen Reiche, dem Kultusminister von Brandenburg, lassen die Grundschüler eine "rote Rakete" steigen. Sie trampeln auf den Boden, trommeln sich auf die Schenkel und zünden die dritte Stufe, indem sie ihre Hände in die Höhe werfen. Dazu rufen sie: "Aaah, eine rote Rakete für Edelgard." Ein Dankeschön für 773600 Euro aus dem Bulmahn-Ministerium für einen Erweiterungsbau mit Klassenräumen, einer Computerecke und einer behindertengerechten Schulküche.

Am selben Spätsommertag besucht die Bundesbildungsministerin noch zwei weitere Ganztagsschulen, die Albert-Schweitzer-Gesamtschule in Henningsdorf, die 1,15 Millionen Euro für die Vollsanierung bekommt, und die Grundschule Velten-Süd, deren neues Nachmittagsangebot mit 18000 Euro unterstützt wird.

Die Länder lassen sich ungern Vorschriften machen

"Keine halben Sachen mehr", mit dieser Botschaft ist die Bildungsministerin auf Werbetour für ihr Ganztagsschulprogramm. Gestartet hat es im Juni 2002 Bundeskanzler Schröder persönlich. Als Rettungsanker für die SPD-Bildungspolitik und zur Sicherung seiner Wiederwahl. Denn zu der Zeit wurde der Bundesländervergleich der Pisa-Studie veröffentlicht, der das Scheitern der SPD-Bildungspolitik offenbarte. Nicht nur dass die unionsregierten Länder Bayern und Baden-Württemberg in den Schülerleistungen vorn lagen. Lange Jahre von der SPD regierte Länder wie Nordrhein-Westfalen oder Bremen konnten auch beim Thema "Gerechtigkeit" nicht punkten. Und im September 2002 stand die Bundestagswahl an.

Die Bundesregierung stellte den Bundesländern vier Milliarden Euro aus dem Versteigerungserlös der UMTS-Lizenzen zur Förderung der Ganztagsschulen in Aussicht. Zumindest half diese Vorwärtsverteidigung den Sozialdemokraten dabei, nach dem Pisa-Desaster wieder in die Offensive zu kommen. Aber hat sie auch, wie die Bundesregierung das Programm offiziell begründete, Deutschlands Schulsystem sozial gerechter gemacht und die Schülerleistungen gesteigert? Das wird Thema sein, wenn am 17. und 18. September Lehrer, Schüler, Eltern und Bildungsfachleute auf einem Kongress in Berlin die Chancen der Schulform erörtern.

Rund 3000 Schulen warten nach Angaben des Bildungsministeriums mit neuen Ganztagsangeboten auf. Und Edelgard Bulmahn hat weitere Ausbaupläne: Sie will die Eigenheimzulage streichen und das frei werdende Geld in Bildung und Forschung investieren, rund sieben Milliarden Euro pro Jahr, unter anderem in Ganztagsschulen. Alles nur Augenwischerei, entgegnen Kultusministeriale in unionsregierten Bundesländern. Die Bundesregierung schmücke sich mit geschönten Zahlen. Die meisten Ganztagsschulen seien bestehende Einrichtungen, die nur aufgestockt würden. Ein Bauantrag für eine Cafeteria mache noch keine Ganztagsschule, stichelte etwa Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU).

Bis zum Jahr 2007 werden die Bundesländer, so wurde es im Mai 2003 vereinbart, die vier Milliarden Euro für den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen erhalten, jedes Land proportional nach Anzahl seiner Schüler. Die Mittel stehen aus Verfassungsgründen nur für den Ausbau der Infrastruktur zur Verfügung, also etwa für Küchen, Bibliotheken oder Computerräume. Für die Personalkosten müssen die Länder selbst aufkommen. Das Etikett der Ganztagsschule darf sich jede Schule anheften, in der an mindestens drei Wochentagen mindestens sieben Stunden unterrichtet wird und die Kinder mittags essen können. Rund 16 Monate nach Beginn des Programms scheinen die Mittel zu fließen: Zum Stichtag am 30. Juni 2004 waren Vorhaben in Höhe der dafür für dieses Jahr vorgesehenen Milliarde fast vollständig angemeldet.

Eine "Abstimmung mit den Füßen", erklärt die Bundesregierung, eine Abstimmung der ausgestreckten Hände, denkt man sich in den Kultusministerien: Sie können die Milliardeninvestitionen für ihre Schulen gut gebrauchen, auch für lange zurückgestellte Projekte.