Wie sollte man ein Buch empfehlen, dessen Lektüre heftige Beklemmung auslöst? Was lässt sich an Argumenten aufwenden gegen die Drohung, die Opfer-Literatur habe doch, in endlosen Variationen, das Grauen des Holocaust längst beschrieben? Vielleicht dies – die Geschichte eines Kinderheims von Theresienstadt, Die Mädchen von Zimmer 28, führt an eine Grenze des Erträglichen, dorthin, wo Mitleid, Furcht, Beschämung auf uns lauern und der Reiz, sich abzuwenden. Dem standzuhalten, ist es nicht das, was historisches Gedächtnis leisten muss?

Erzählte Kindheiten, nachgedruckte Briefe, Tagebuchfetzen, Schulbilder, Fotos, so zusammengestückelt kommt das Buch daher. Ein Foto von Theresienstadt zeigt selbstgefällige Garnisonsbauten, in Grün gebettet, in einem Städtchen zwischen Dresden und Prag. In seinem Kern, wo vor dem Krieg etwa 7000 Menschen beheimatet gewesen waren, wurden 1942 über 58000 Menschen zusammengepfercht, jüdische Menschen, einer pro Quadratmeter, eine Verdichtung von Verzweiflung. Theresienstadt war eine Todesdurchgangsschleuse, in der immer neue Häftlingswellen anbrandeten und weitergerissen wurden in Transporten, mit jenem 5000 Menschen, mit diesem 7000, in einem einzigen Monat wurden 19000 Transportbefehle ausgestellt, nach Auschwitz oder Treblinka. Die Züge entrissen Freunde einander, trennten Geschwister, Familien, zerstreuten Liebende. Inmitten dieser Tumulte also Kinder. Wie sie zum Beispiel mit Zügen aus Polen eintrafen – tatsächlich in einem Zug über 1000 Kinder, Alleinreisende, kleine alte Gesichter auf dürren Körpern, kahle Köpfe, die Kleinen dahinstolpernd an der Hand der Größeren – und weiterreisten in den Tod. Die Mädchen von Zimmer 28 aber, von denen die Berliner Autorin Hannelore Brenner-Wonschick erzählt, haben in Theresienstadt vergleichsweise sogar Schönes erlebt. Auch wenn nicht alle überlebten. Im Untertitel ist von Freundschaft, Hoffnung und Überleben in Theresienstadt die Rede.

Viele Kinder von Theresienstadt waren in Kinderheimen untergebracht. Die Heime waren beinahe so etwas wie Orte der Zuflucht. Weil die Erwachsenen immerhin in dieser Ausweglosigkeit beschließen konnten, dass ihre Kinder bevorzugt zu behandeln wären, angesichts der Vernichtung waren sie zu dem Schluss gekommen, auf ihre Kinder zu setzen, ihnen, auf Kosten der Alten, besondere Zuwendung zukommen zu lassen, an Essen, ärztlicher Versorgung, Bildung. Denn wenn es eine Zukunft geben sollte, dann wäre es die der Kinder.

Fi∆ka und Marta, Lenka, Milka, Popinka, Ruth und Pavla – mit einer Liste von Toten eröffnet das Buch auf der ersten Seite. Fünfzig Mädchen haben im Zimmer 28 des Mädchenheimes gewohnt, nur 15 überlebten, und hätten einige von diesen sich nicht ein halbes Jahrhundert später zusammengefunden zu einer Art von täuschend harmlosen Damenkränzchen, dann wäre dieses Buch gar nicht zustande gekommen. Die Frauen treffen sich einmal im Jahr, mit ihnen zusammen hat die Autorin Briefe und Erinnerungen, Tagebücher und Zeichnungen gesammelt und jene Jahre in Theresienstadt rekonstruiert.

Die Mädchen liegen auf Dreierpritschen. "Wir schlafen auf ihnen, wohnen und essen wie die Affen auf dem Baum oder wie die Hühner im Hühnerstall", schreibt Helga in ihrem Tagebuch – und von dem Gestank, dem Ekel, dem Ungeziefer, den Überfällen der Wanzen. Vom Hunger. Und seinen Folgen: Durchfall, Gelbsucht, Lungenentzündung, Scharlach, Masern, Keuchhusten, Enzephalitis, die beste Fürsorge kann sie nicht retten. "Was weinst du so bitterlich?", sagt eine Freundin zur anderen, die um ihre toten Freundinnen trauert.

Es geht um Mathenoten und Liebelei, weinende Väter, um Abschied

Das Buch erzählt also die Lebensgeschichten einzelner Mädchen und verwebt sie miteinander und alle mit der Geschichte von Theresienstadt. Es geht um lästiges Aufräumen und geheimen Schulunterricht, um die Zensuren in Mathe, Liebeshändel mit den Burschen aus dem Jungenheim und die Zickigkeit der Mädchen untereinander. "Zaji‡ek hat Fla™ka verlassen, so wie Pavla einmal Ela und jetzt ich Ela. Fla™ka ist verlassen. Ela ist verlassen, Freundinnen haben sie verraten. Marianne ist ohne Freundin…" Es geht um gutes Benehmen!

Ein fast normales Leben, so will es manchmal scheinen. Bis ein Vater zu Besuch kommt, um den Kindern etwas zu essen zu bringen, und vor den Kindern in Tränen ausbricht, aus Hunger. Es gibt endlose Abschiede, so viele, dass man das Buch zuklappen möchte. Was die Lektüre aber unfassbar macht, ist dies: wenn von den Konzerten erzählt wird, Etüden von Chopin und Verdis Requiem, Opern und dem Maskenfest oder der Malschule, die alle Kinder zu Künstlern erwecken will, ausgerechnet in Theresienstadt, von den Theateraufführungen, der Kinderoper Brundibar, wo hungernde Kinder von Vanille-Eis und Kuchen singen, vor der SS und deren Kindern. Oder wenn von dem berichtet wird, was die Kinder "das große Fressen" nennen, wie jeder Anlass ihnen recht ist, um zu feiern, Geburtstag, Muttertag, Abschiede eben. Dazu geröstetes Brot mit Paprikapulver. Ein Hauch von Zucker, ein "süßes Nichts" sagen sie, was sonst?