Im Deutschen werden Zahlen anders gesprochen, als sie geschrieben werden. Wir sagen "einundzwanzig", aber wir schreiben erst die Zwei, dann die Eins. Bei mehrstelligen Zahlen ist die Verwirrung noch größer: Beim Lesen der Zahl 54381 etwa springen wir von der zweiten Ziffer zur ersten, dann zur dritten, zur fünften und enden mit der vierten. "Das Verblüffende ist, dass das überhaupt funktioniert!", wunderte sich der Bochumer Mathematiker Lothar Gerritzen. Und er machte einen revolutionären Vorschlag. Den Kindern solle in der Schule eine neue Sprechweise beigebracht werden: "zwanzigeins" statt "einundzwanzig", "dreihundertvierzigsieben" statt "dreihundertsiebenundvierzig" (siehe ZEIT Nr. 5/04: Nie wieder Zahlendreher? ).

Gerritzen erhielt für seinen Vorschlag eine Menge Schelte, aber auch sehr viel Zustimmung von Zeitgenossen, die sich seit Jahrzehnten nicht mit der Zahlensprechweise anfreunden können und haufenweise Dreher beim Notieren von Telefonnummern oder Tippen von Zahlenkolonnen produzieren. Womit der Forscher aber nicht gerechnet hatte: Es gab schon vor 50 Jahren Experimente mit seiner "Erfindung", und auch heute wird sie in Grundschulen praktiziert.

Gerritzen wurde ausgerechnet an der Grundschule fündig, in der seine eigenen Kinder unterrichtet werden. Sigrid Eiskirch, Rektorin der Bochumer Waldschule, bringt den Erstklässlern seit etwa 20 Jahren die Schreibweise der Zahlen bei, indem sie sie "verkehrt herum" ausspricht. Besonders den ausländischen Kindern fällt das Rechnen so viel leichter. Im Alltag dagegen benutzen Kinder und Lehrer an der Waldschule weiterhin die gewöhnliche Sprechweise. Den Eltern fiel in der Vergangenheit zwar manchmal auf, dass die Kinder bei den Hausaufgaben die Zahlen seltsam benannten, aber hauptsächlich "wundern die Eltern sich, warum die Kinder im Mathe-Unterricht so gut lernen", sagt Sigrid Eiskirch selbstbewusst. Seit sie von Gerritzens Vorschlag gehört hat, möchte sie ihr Experiment nun ausweiten und auch in der Alltagssprache der Grundschüler die neuen Zahlwörter verwenden.

Den ZEIT- Artikel las auch Werner Schöllknecht, pensionierter Lehrer im sächsischen Lützen. Er musste sofort an seine ersten Berufsjahre in den fünfziger Jahren denken: Da nahm er nämlich an einem Schulversuch teil, in dem die Zwanzigeins-Sprechweise an vier DDR-Schulen getestet wurde. "Die Schüler bekamen im Unterricht Aufgaben aus dem Bereich der vier Grundrechenarten, die alle im Kopf zu rechnen waren und in herkömmlicher und ›neuer‹ Sprechweise gestellt wurden", erzählt Schöllknecht. Mehrmals trafen sich die beteiligten Lehrer zu Auswertungsgesprächen, und der Erfolg war eindeutig: "Die Fehlerquote sank." Ganz genau erinnert sich Werner Schöllknecht an ein Treffen in Potsdam. Am Vorabend besuchten einige Lehrer eine Vorstellung in der Berliner Staatsoper. Das Programmheft besitzt Schöllknecht noch – es war der 7. Mai 1956. Der Name des Wissenschaftlers, der auf die Idee mit dem Schulversuch gekommen war, ist ihm aber entfallen. Was mit den Ergebnissen dann an höherer Stelle gemacht wurde und warum sie nie in die allgemeine Schulpraxis umgesetzt wurden, ist heute auch nicht mehr zu rekonstruieren.

Noch früher fand ein ähnlicher Versuch im Westen des geteilten Landes statt. In Hilgenbach im Siegerland begann Hans-Karl Brücher schon 1948 an der evangelischen Volksschule mit dem "ganzheitlichen Rechnen", dessen Name sich an die Ganzheitsmethode beim Lesenlernen anlehnte. Drei Jahrgänge von Schülern unterrichtete der damals 25-jährige Lehrer im Auftrag von zwei Schulräten in der Zwanzigeins-Sprechweise. Nur im ersten Dreivierteljahr ihrer Schulzeit benutzten die Erstklässler die fremde Sprechweise, danach wurden sie wieder umgewöhnt, übrigens ohne dass es dabei Probleme gab. "Die vorübergehende Sprechweise mit ›zwanzigeins‹ ist methodisch eine große Hilfe", ist Brücher auch heute noch überzeugt. Nach drei Jahren endete sein Kontakt mit der neuen Methode, er wurde an eine Hauptschule versetzt, "und von da an hatte ich mit den i-Männchen nichts mehr zu tun", erzählt Brücher. Auch im Westen verliert sich die Spur dieser Schulexperimente im Ungewissen.

Für Lothar Gerritzen sind diese unverhofften Erfahrungsberichte aus der Schulpraxis ein Ansporn, seine Initiative weiterzutreiben. Er hat den Verein Zwanzigeins gegründet, dessen satzungsgemäßes Ziel es ist, "die unverdrehte Zahlensprechweise im Deutschen populär und gesellschaftsfähig zu machen". Zu den ersten Mitgliedern gehören Sigrid Eiskirch, Werner Schöllknecht und Hans-Karl Brücher. Im Internet findet man den Verein unter www.ruhr-uni-bochum.de/zwanzigeins