Die jährliche Vorstellung des OECD-Berichts Education at a Glance (Bildung auf einen Blick) ist inzwischen so etwas wie die Bilanzpressekonferenz des globalisierten Bildungssystems. Aber in keiner der 30 Industrienationen, die sich zur OECD zusammengeschlossen haben, werden die Ergebnisse so fieberhaft erwartet wie in Deutschland. Noch ehe die Studie Anfang der Woche vorlag, sorgten Schlagzeilen über den drohenden internationalen Rückfall deutscher Schulen und Hochschulen hierzulande für Aufregung. Dabei ist weder diese Warnung neu noch die brisanteste Aussage des diesjährigen OECD-Berichts. Der hält noch ganz anderen Sprengstoff bereit. So erteilen die OECD-Experten der derzeit populären These von der "Ausbildung nach Bedarf" eine klare Absage. Mit dieser Vorgabe sollen beispielsweise künftig in Hamburg 50 Prozent der Stellen in den Geistes- und Sprachwissenschaften gekürzt werden (ZEIT Nr. 35). Die OECD dagegen postuliert: Bildung ist eine Investition ins Humankapital. Und je mehr Menschen studieren, umso besser. So weist der Bericht nach, dass jene Länder, in denen die Zahl der Hochschulabschlüsse seit 1995 um mehr als fünf Prozent gestiegen ist, sinkende Arbeitslosenquoten und steigende Einkommen haben. Und jedes zusätzliche Jahr Bildung, das eine Bevölkerung im Durchschnitt genießt, steigere das Bruttoinlandsprodukt um drei bis sechs Prozent. "Von einer Inflation durch hohe Abschlüsse kann überhaupt keine Rede sein", folgert Andreas Schleicher, Chef der Abteilung für Bildungsanalysen in der Pariser OECD-Zentrale. "Im Gegenteil", sagt er, "mit Bildung können arme Länder reich werden." Daraus folgt aber auch: Reiche Länder, die ihr Humankapital verwahrlosen lassen, werden künftig verarmen. Das Paradebeispiel für eine "erfolgreiche Bildungsnation" ist Finnland. Hätte man dort vor 25 Jahren lediglich "nach Bedarf" ausgebildet, würde die Firma Nokia möglicherweise noch immer Stiefel und Gummiwaren herstellen. Stattdessen steht heute die Errichtung der "Kommunikationsgesellschaft" als Staatsziel in der finnischen Verfassung. Und das wird unter anderem dadurch definiert, dass mindestens 70 Prozent künftiger Generationen studieren sollen. Heute beginnen in Finnland tatsächlich 71 Prozent eines Jahrgangs ein mindestens vierjähriges Studium. Auch andere Nationen setzen auf Qualifikation. In Australien studieren 77, in Schweden 75 und in den USA 64 Prozent. In Deutschland dagegen nehmen gerade einmal 35 Prozent der Schulabsolventen ein Studium an einer Universität oder Fachhochschule auf. Und nur 19 Prozent legen am Ende auch tatsächlich ein Examen ab – das ist eine der niedrigsten Quoten der OECD-Länder (zum Vergleich: In Finnland erreichen 45 Prozent eines Jahrgangs einen Hochschulabschluss). Auch die betriebliche Ausbildung hat Schwächen – flexibel macht sie nicht Dafür loben Deutsche gern ihr "duales System", also die besondere Kombination von betrieblicher und schulischer Ausbildung. Doch auch das kommt im OECD-Bericht nicht ohne Blessuren weg: Zwar sorge es für einen vergleichsweise reibungslosen Übergang in den Beruf, aber auf Dauer erweise sich die betriebliche Lehre als zu unflexibel. Je länger ehemalige Lehrlinge ihren Beruf ausüben, desto höher ist ihr Risiko, arbeitslos zu werden. Das Umsteigen auf andere Tätigkeiten fällt ihnen schwer. Das zeigen nicht nur internationale, sondern auch innerdeutsche Vergleiche mit Absolventen von Berufsfachschulen – obwohl in Deutschland Fachschulen häufig als zweite Wahl gelten für Jugendliche, die keine Lehrstelle gefunden haben. Angesichts der ungewissen beruflichen Zukunft legen solche beruflichen Schulen eine gute Grundlage. Das zeigt auch ein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung durchgeführter Vergleich mit Schweden. Dort findet die berufliche Ausbildung in der Schule statt. Die größere Neigung der Schweden, später ihren Beruf zu wechseln, wird mit der schulischen Übung im Lernen und Umlernen erklärt. Auf diese Flexibilität, die in der allseits beschworenen Wissensgesellschaft immer notwendiger wird, bereitet das deutsche Bildungssystem allenfalls mäßig vor. Auch hat sich hierzulande noch nicht durchgesetzt, dass gute Bildungsabschlüsse auch Anschlüsse an weitere Bildungsstufen bieten. Diesen von der OECD angemahnten "Paradigmenwechsel" exerzieren erfolgreiche Ländern bereits vor: Wer etwa in Australien seine Ausbildung als Krankenpfleger gut beendet, kann als Mediziner weitermachen. Wer als Programmierer glänzt, schließt daran Informatik oder vielleicht Physik an, häufig nach einem Zwischenspiel im Beruf. Eine solche Durchlässigkeit fehlt in Deutschland. Mit Geld allein ist es jedenfalls nicht getan. Aber ohne entsprechende Investitionen in Bildung ändert sich auch nichts. Während die OECD-Länder durchschnittlich 12,7 Prozent der öffentlichen Haushalte für Bildung aufwenden (Tendenz steigend), verharrt Deutschland seit 1995 unverändert bei 9,7 Prozent. Bei den öffentlichen Ausgaben in Kindergärten und Grundschulen steht Deutschland sogar am Ende der OECD-Skala. Nur die Lehrergehälter sind hierzulande spitze. Aber gibt es denn gar keine Verbesserungen, Herr Schleicher? Danach habe er auch gesucht, gesteht der in Hamburg geborene Mathematiker, aber gefunden habe er "eigentlich nichts". Selbst die Erhöhung der Studienanfängerquote seit 1995 von 28 auf 35 Prozent, die die OECD lobt, werde vom Geburtenrückgang wieder wettgemacht. Am meisten sorgt sich Schleicher, dass das deutsche Schulsystem eine neue Unterschicht geradezu produziere. 23 Prozent der 15-Jährigen gehören wegen ihrer schwachen Leistungen zur so genannten Risikogruppe – Jugendliche, bei denen es fraglich ist, ob sie je in einen Beruf kommen. Möglicherweise wird diese Prozentzahl sogar bald überholt sein. Denn die Angabe stammt noch aus der ersten Pisa-Studie, die im Jahr 2001 veröffentlicht wurde. Inzwischen ist die Auswertung der zweiten internationalen Pisa-Studie fast abgeschlossen. Sie wird am 7. Dezember veröffentlicht. Für Bildungspolitiker hat der Pisa-Countdown längst begonnen. Manche fürchten allerdings, er könne ein Countdown für den deutschen Niedergang werden.