Das Alte Land wird nicht untergehen. Nicht, solange der Elbdeich hält. Dennoch scheinen die Tage dieser so eigen- wie einzigartigen Kulturlandschaft gezählt. Die Blüte seiner Zivilisation ist lange dahin, das größte Obstanbaugebiet Deutschlands, im Südwesten von Hamburg jenseits der Elbe gelegen, von vielen Seiten bedroht. Die ersten Boten der Neuen Welt kamen in den siebziger Jahren. Der amerikanische Konzern Dow Chemical, die Vereinigten Aluminiumwerke und ein (inzwischen stillgelegtes) Kernkraftwerk bauten ihre Stellungen bei Stade aus. Verkehrsplaner wollen seit Jahren eine Autobahn, die A26, durch die Obstmarschen ziehen, und im ohnehin durch Hamburgs Hafenerweiterung bedrohten Osten des Alten Landes hat sich eine unschlagbare Front von Konquistadoren formiert: Eine große Koalition aller Parteien, der Senat und die Behörden der Freien und Hansestadt, die Airbus Deutschland GmbH und die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) haben ihre Zeitungen und ihre Anwälte in Stellung gebracht und im Süden der Gemeinde Neuenfelde eine Drohkulisse himmelstürmender Industriearchitektur aufgebaut.

Bisher verlief der Vormarsch der Eroberer dynamisch, die größte Industrieerweiterung der Hamburger Nachkriegsgeschichte hatte Format. Das Mühlenberger Loch stand dem Ganzen im Wege, ein ökologisch wertvolles Süßwasserwatt und beliebtes Segelrevier für Optimistenjollen, aber ökonomisch eben nur ein störendes Marschloch. Holterdipolder wurden weite Teile des Watts zugeschüttet, 165Hektar Neuland für Airbus; gekostet hat es die Steuerzahler rund 700 Millionen Euro. Mut zur Größe, fürwahr.

Nun sollte die Airbus-Startbahn ins Alte Land verlängert werden. Das Oberverwaltungsgericht in Hamburg hat dieses Unterfangen gestoppt. Dafür könne man nicht Menschen enteignen, deren Grundstücke im Wege sind. Das Ringen geht weiter. Hamburg gibt nicht auf. Aber es lohnt, einen Blick in den bedrohten Garten zu werfen – einen Blick zurück, damit man weiß, was hier verloren geht.

Von Natur her war das Alte Land unbewohnbar, denn es war Teil des rund zehn Kilometer breiten Urstromtals, das die eiskalt strudelnden Schmelzwasser des Holozäns zwischen Blankenese und Harburg hinterlassen haben, eine amphibische Welt im nordgermanischen Schietwetter, hin- und hergerissen zwischen Ebbe und Flut. Der Römer Plinius hat sie mitfühlend beschrieben: "Zweimal in dem Zeitraum je eines Tages und einer Nacht dringt das Weltmeer in großartiger Bewegung mächtig heran und begräbt unter seinen Fluten einen ewigen Streitgegenstand der Natur: ob See, ob Land, keiner vermag es mit Gewissheit zu sagen. Dort haust ein bejammernswertes Volk auf hohen Erhebungen oder künstlichen, nach Maßgabe der höchsten Flut aufgeworfenen Hügeln […]. Mit ihren Händen sammeln sie Schlamm, den sie dann mehr im Winde als in der Sonne trocknen, kochen mit dieser Erde ihre Speisen und erwärmen ihre im Nordwind erstarrenden Leiber."

Die ersten Marschmenschen hat es wohl schon 1500 vor Christus hierhin verschlagen. Später kamen unter anderem die Langobarden vorbei. Sie werden gute Gründe gehabt haben, warum sie weiterzogen und der Gegend um Mailand den Vorzug gaben. Im 2. Jahrhundert ließen sich die ersten Sachsen nieder, später fasste Karl der Große das Gebiet zwischen Elbe und Weser zur Provinz Wigmodia zusammen und unterstellte es 788 dem eigens in Bremen errichteten Bischofssitz. Seit dem 4. Jahrhundert gab es Bauernhäuser auf selbst gemachten Wurten, aber wenn eine Sturmflut kam, blieb kein Auge trocken.

Um 1140 begann Bremens Erzbischof ausländische Experten für Deichbau und Entwässerung ins Land zu holen, Siedler aus Holland, Hollandri genannt. Das Land, das sie urbar machten, hieß Hollandria; eine Gemeinde hört heute noch auf den Namen Hollern. Sie schütteten Deiche auf, teilten die Fluren dahinter in schmale Streifen, in der Regel vier Altländer Morgen (zwei Kilometer) lang und nur 16 Meter breit, was die Verantwortung über 16 Meter Deich bedeutete. Sie zogen Gräben dazwischen, Fleete und Wettern, und bauten praktische Siele. Und damit das alles auch funktionierte, brachten sie ihr hochmodernes Rechtssystem mit, das den Bauern weitgehende Selbstständigkeit und Freiheit von Frondiensten garantierte, solange sie das ihnen zugewiesene Deichstück instand halten konnten.

Zweimal im Jahr ritt der Deichrichter mit seinen Geschworenen die Strecke ab. Wer die Deichbeamten bei der Deichschau störte oder beleidigte, wurde bestraft. Wer den Deich nicht perfekt instand hielt, musste – wie überall an der Küste – weichen ("Wer nich will diken, der muss wiken") und wurde in einer rituellen Zeremonie, der Verspatung, enteignet. Von Stade aus wurde das Land kultiviert, eingedeicht und trocken gelegt. Und weil immer wieder neue Abschnitte hinzukamen, gab es "Altes Land" und "Neues Land". Bald wurde die ganze Marsch zwischen Stade und Hamburg "dat olde Land" genannt, obwohl es handgemachtes Neuland war, eine Art Großpolder, unterteilt in drei Meilen. Die Erste Meile reichte von Stade und dem Flüsschen Schwinge bis zur Lühe, die Zweite Meile bis zur Este, die Dritte Meile bis zur alten Süderelbe.

Um 12.000 Hektar Marschboden zu sichern, unterhielt die Schlickeria des Alten Landes 113 Kilometer Deiche, davon allein 32 Kilometer Elbdeich. Als Flutschutz noch mit der Hand gemacht wurde, musste ein Mann für einen Meter Deich bis zu 100 Kubikmeter Erde heranschaffen, eine Arbeit, für die er 25 bis 30 Tage brauchte. Dieses Tempo wurde allerdings erst möglich durch den Einsatz eines Spezialfahrzeuges, das sich als mindestens so segensreich erwies wie der Bau von Airbus oder Transrapid: die einrädrige Schubkarre. Seit dem 17. Jahrhundert fuhr man in ihr den schweren Kleiboden herbei. Die Deiche wurden höher, sicher waren sie nie. Schwere Sturmfluten machten das Werk zunichte, neue Deiche mussten gezogen werden, neue Kampflinien gegen die Flut, die alten blieben als Schlafdeiche zurück.