Im Wandelgang der Turiner Universität dampfen Pasta und Zucchini-Aufläufe. Bob Bryer, ein wild gelockter New Yorker Ägyptologe, steht plaudernd Schlange am Buffet. Ein fröhlich gestimmter Brite kommt hinzu. Ihm sei da eine Idee gekommen: "Die alten Ägypter kannten sich doch mit Hitze gut aus. Könnten sie nicht Haken erhitzt haben, die sie Verstorbenen durch die Nase einführten? Das Hirn wäre dann geronnen, und man hätte es klümpchenweise herausangeln können." Bryer überlegt. "Interessant", sagt er, "ich denke darüber nach!" Dann geht sein Blick zurück zu den Köstlichkeiten. Die Wahl fällt schwer.

Ein Dialog über fachgerechte Hirnentfernung verdirbt hier keinem den Appetit. Die 200 Experten auf dem 5. Mumien-Weltkongress sind den Umgang mit Toten gewohnt. Wie Kochrezepte tauschen sie anlässlich ihrer Leistungsschau Einzelheiten über die Pflege ihrer Schützlinge aus. Warum nicht auch beim Essen?

Der lebhafte Bryer wurde in der Ägyptologen-Szene berühmt, als er die altägyptische Methode zur Herstellung einer Mumie an einem Spenderkörper ausprobierte. Seither sind seine Schnellexpertisen zur Lunchzeit gefragt. Auch andere Fachleute, auf sonnengetrocknete Leichen aus dem Wüstensand oder feucht konserviertes Leben in Sümpfen spezialisiert, tauschen sich in der Warteschlange munter aus, während sie sich nach einem der raren Stühle umschauen. Was in den 144 Vorträgen des viertägigen Kongresses zu bestaunen ist, erzeugt großen Debattierbedarf, seien es neue Fundstücke, die in ewigem Eis aufbewahrt waren, in Schubladen vor sich hin bröselnde Gewebereste oder wegen suboptimaler Lagerung schlimm von Pilzen überwucherte Wesen. Viele der im Wettbewerb gezeigten Objekte schmerzen das Auge (weil sie aussehen wie ein verschrumpelter Schuh); einige erfreuen es, rosig glänzend wie Alabaster.

Die Zahl sehr alter Mumien oberhalb der Erdoberfläche vermehrt sich rasant, seit man Funde außerhalb ihres schützenden Milieus fast unbegrenzt erhalten kann. Sie wird heute auf einige zehntausend geschätzt. Die prominentesten gehören zum Weltkulturerbe. Schließlich verraten sie viel über das Werden des Homo sapiens. Ohne den über 5000 Jahre alten Ötzi wüssten wir nicht, dass man in der Kupferzeit Pfeile aus Eibenholz schnitzte, Einkorn aß und die Männer Leggings an Strapsen trugen.

Der Umgang mit den Verwandten aus der Vergangenheit hat sich deutlich gebessert. Wurden ägyptische Mumien zu Forschungszwecken früher wie Schrottautos auseinander genommen, betrachtet man heute vor Jahrtausenden verblichene menschliche Körper als Patienten, die es zu pflegen gilt. Die Wissenschaft schreitet voran und ermöglicht, nachfolgenden Generationen viel unbeschädigtes Material übrig zu lassen, ohne dass deswegen auf Erkenntnisgewinn verzichtet werden müsste.

Das Erbgut von Bakterien und Parasiten – meist besser erhalten als das der Mumie selbst – liefert Erkenntnisse über Krankheiten. Dass das Influenza-Virus nicht, wie oft behauptet, bei der Invasion Pizarros 1525 über die südamerikanischen Indianer herfiel, bewiesen die Grippe-Gene: Sie sind auch bei deutlich älteren Mumien nachzuweisen.

Haare wiederum verraten durch zahlreiche metallische Spurenelemente, was ihr Träger zu Lebzeiten trank, auf welchem Boden seine Lebensmittel wuchsen und mit welchen Drogen – Hasch oder Kokain – er sein Bewusstsein erweiterte. Bereits mikroskopisch kleine Proben des Zahnschmelzes ermöglichen Rückschlüsse auf Herkunft und Migration der Verstorbenen.