Eigentlich kennt man dieses Verhalten von Schülern, die schlechte Noten bekommen haben: Als sie vergangene Woche von der OECD ihr jährliches Zeugnis entgegennahmen, maulten die deutschen Bildungspolitiker, sie seien unfair behandelt und ihre Anstrengungen nicht genug gewürdigt worden. Doch angesichts der neuen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, veröffentlicht an diesem Mittwoch, werden Ausflüchte nicht helfen. Die Bildungsexperten aus Paris präsentieren eine noch negativere Bilanz deutscher Schulpolitik als zuvor – und berufen sich dabei nahezu ausschließlich auf Studien und Stellungnahmen deutscher Bildungsoffizieller.

Diesmal wird das Elend nicht in Zahlen oder Statistiken gefasst. Die OECD legt vielmehr eine Art Berichtszeugnis über ein Schlüsselthema jeder Schulreform vor: die Arbeitsbedingungen der deutschen Lehrerschaft. Anwerbung, berufliche Entwicklung und Verbleib von qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern lautet der Titel des Reports. Er könnte ebenso heißen: »Wie die deutsche Schulpolitik und Bildungsbürokratie es in der Vergangenheit geschafft haben, guten Lehrern das Leben schwer zu machen«.

Nicht die deutschen Pädagogen selbst also, nicht ihre Unterrichtsmethoden, nicht ihre Arbeitsmoral fallen vor der internationalen Kommission durchs Lehrerexamen. Über sie fällen die Berichterstatter ein relativ gnädiges Urteil: »In unseren Schulbesuchen wurden wir Zeuge eines großen professionellen Engagements und guter Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern.« Der neue OECD-Report ist vielmehr eine Generalabrechnung mit der starren Auswahl und praxisfernen Ausbildung von Lehrern, mit ihren veralteten Arbeitsbedingungen, ihrer Gängelung und leistungsfeindlichen Vergütung.

Für einen weltweiten Lehrervergleich zog eine Delegation von fünf Experten im vergangenen Herbst knapp vierzehn Tage lang durch Schulen, Ministerien und Verbände in Hamburg, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Zur Kommission gehörte neben zwei Mitarbeitern der OECD der schwedische Erziehungswissenschaftler Mats Ekholm, einer der besten Kenner der internationalen Schulszene. Er ist außerdem Generaldirektor der schwedischen Bildungsagentur Skolverket, die als Beispiel für den gelungenen Übergang von einer gängelnden Bürokratie zum Beratungsinstitut für selbstständige Schulen gilt. Mit dabei war auch Peter Matthews, Leiter der Abteilung für Qualitätsprüfung bei der britischen Bildungsagentur Ofsted.

»Zersplittert« und »unbeweglich«, »verrechtlicht« und »veränderungsresistent« – das sind die Vokabeln, mit denen der Bericht die bisherige Art der Deutschen beschreibt, Schulen zu führen und Lehrer zu beschäftigen. Ein System, das dem 19.Jahrhundert näher steht als dem 21., weil es Bildungsstätten wie Filialen der Staatsbürokratie begreift und Lehrer als Erziehungsbeamte. Während heutiges Unterrichten und Lernen – durch eine zunehmend heterogene Schülerschaft oder rasch sich wandelnde Anforderungen des Arbeitsmarktes – eine hohe Flexibilität von Lehrern verlangen, »fördern die bestehenden Regeln Gleichförmigkeit und fordern Konformität«. Auch andere Länder, wie etwa Schweden, kannten dieses Steuerungsmodell. Doch während sie ihre Schulen über viele Jahre in kleinen Schritten verändert haben, marschierte das deutsche Bildungswesen »eine lange Zeit mehr oder weniger unverändert« voran und landete in der Sackgasse.

Neben schlechten Noten präsentiert die Analyse jedoch auch einen ermutigenden Blick in die Zukunft. Sie sieht deutsche Schulen in einer »schwierigen, aber fruchtbaren Phase des Übergangs«. Überall stieß die OECD auf neue Ideen und Reformen – oder zumindest die Bereitschaft dazu. Die Experten zeigen sich beeindruckt von der hiesigen Bildungsdiskussion. Wenn es um die Schule geht, reden alle in Deutschland mit, und das in den Augen der OECD auf recht hohem Niveau. Dabei haben sie auf ihrer Informationsreise fast niemanden getroffen, der das »bestehende System der Verwaltung von Schulen und Lehrern erhalten wolle«.