Noch drei Monate: In Niedersachsen sitzen derzeit Hunderte von Schulbeamten an ihren Schreibtischen und haben Angst vor dem 1. Januar 2005. Dann werden die Regierungsbezirke aufgelöst und damit auch die Schulabteilungen, die bislang die Schulen hoheitlich gelenkt haben. Ob es um die Auswahl von Lehrern ging, die Anschaffung neuer Overhead-Projektoren oder die regelmäßige Unterrichtskontrolle: Für all das waren bislang die Schuldezernenten zuständig; die Schulleiter dagegen waren praktisch machtlos, sie hatten die Anordnungen von oben auszuführen.

Demnächst müssen sich die Schulbeamten neue Aufgaben suchen. Das Leitbild der Politik ist nun die "eigenständige Schule", die sich selbst verwaltet. Denn die Gängelung der deutschen Schulen durch eine hierarchische Bildungsbürokratie ist laut den Autoren der OECD-Lehrerstudie ein klares Indiz für die Reformresistenz des deutschen Bildungssystems. Sie macht die Schulen so ineffektiv, unselbstständig und profillos. Der Münsteraner Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart warnt davor, nur die Lehrer für die Misere verantwortlich zu machen. "Es geht nicht um Individuen. Es sind die Strukturen, die problematisch sind."

Die Bevormunder von heute sollen die künftigen Befreier sein

Diese Strukturen sind nicht nur problematisch, sondern auch hoch kompliziert. In vielen Bundesländern ist die Schulverwaltung bislang auf vier Ebenen organisiert. Ganz oben steht das Ministerium, dessen Referate Vorschriften und Erlasse formulieren. Diese Erlasse werden über die Dezernenten in den Schulabteilungen der Regierungsbezirke an die Schulräte in den Städten und Kreisen und von dort an die Schulleiter weitergegeben, ungerührt von den Bedürfnissen und Problemen der einzelnen Schule. Auch die Einstellung und Verteilung neuer Lehrer läuft so ab. "Die Schulverwaltung definiert sich nicht pädagogisch, sondern über die Einhaltung des Dienstwegs", sagt Heinz Rosenbusch von der Bamberger Forschungsstelle für Schulentwicklung und Schulmanagement.

Jetzt soll damit Schluss sein, und Niedersachsen ist ganz vorne mit dabei. "Wir ersetzen die bisherige Input-Orientierung durch eine Ausrichtung am Output", sagt Heiner Hoffmeister vom so genannten Innovationsreferat des dortigen Kultusministeriums. Allerdings weiß in Niedersachsen noch keiner, wie das funktionieren soll. Klar ist lediglich, dass die Befreiung der Schulen von eben jenen Aufsichtsbeamten durchgesetzt werden soll, die zum Teil seit Jahrzehnten die Schulen an der kurzen Leine führen.

Die Grundidee: Über Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten und andere Kennzahlen wie Sitzenbleiber- oder Abbrecherquoten will die Landesregierung den Bildungsstand definieren, den die Schulen und Schüler zu bestimmten Zeitpunkten in ihrer Lernbiografie erreicht haben müssen – also den Output. Wie die einzelnen Schulen diese Ziele erreichen, soll ihnen selbst überlassen bleiben.

Und genau hier könnte eine neue Aufgabe für die jetzigen Schulaufsichtsbeamten abfallen. Denn wenn den Schulen auf der einen Seite Eigenständigkeit gewährt wird und auf der anderen Seite klare, konkrete Bildungsziele formuliert werden, dann muss es eine mittlere Instanz geben, die den Erfolg der Schulen unabhängig kontrolliert. Niedersachsen will dafür wie andere Bundesländer eine Agentur einrichten, die jede Schule im Land regelmäßig inspizieren, also "extern evaluieren" würde. Ganz wichtig: Diese Inspektoren, zum großen Teil wohl ehemalige Schuldezernenten, sollen nicht mehr gleichzeitig in der Schulaufsicht und damit als Vorgesetzte jener Schule tätig sein, deren Arbeit sie überprüfen. Damit endet der "Rollenmix" der bisherigen Schulaufsicht, den Bildungsexperten wie Hans-Günter Rolff seit langem beklagen. Die Rechtsaufsicht sollen andere Schulräte übernehmen, wieder andere könnten den Schulen als pädagogische Berater zur Seite stehen, damit sie die Vorgaben erfüllen können. Ob das funktioniert? Heiner Hoffmeister benutzt stets den Konjunktiv, wenn er von der großen Reform spricht, die in drei Monaten anlaufen soll. Noch ist zum Beispiel unklar, wie den Schulbeamten die nötigen Kompetenzen vermittelt werden können – und wann.

Die niedersächsischen Ideen entsprechen im Wesentlichen Forderungen, die von der Unternehmensberatung Kienbaum erhoben werden. Kienbaum berät viele Bundesländer seit Jahren bei der Neustrukturierung ihrer Schulsysteme und schlägt ihnen ein "Bildungscontrolling" auf drei Ebenen vor: von der Schule über die Schulaufsicht bis zum Ministerium. "Schulleiter schließen Zielvereinbarungen über ihre Schule mit der Schulaufsicht, Lehrer mit ihrem Schulleiter, und die Schüler erhalten ihren individuellen Bildungsplan, der ihnen und den Eltern deutlich macht, was noch zu tun ist, um ein guter oder noch besserer Schüler zu werden", sagt Roland Meka, Mitglied der Geschäftsleitung von Kienbaum. Die Schulaufsichtsbeamten könnten damit erstmals zu Bindegliedern zwischen Schulen und Ministerium werden, denn sie wären auf der einen Seite für die "Prozessüberwachung" (Evaluation), auf der anderen für die "Prozessbefähigung" (Beratung) verantwortlich. Ewald Terhart hat Zweifel, ob das funktioniert. Denn das bisherige System der Schulaufsicht stehe als Teil des Beamtensystems sozusagen unter staatlichem Naturschutz. "Die Bildungsverwaltungen tun sich schwer, vom zentralistischen System wegzukommen. Sich umzustellen von einer Aufsichtsbehörde in eine Unterstützungsagentur der Lehrer, das bereitet ihnen erhebliche Probleme."