Die Empörung war kaum zu überhören, als 1988 der Nobelpreis für Literatur an den Ägypter Nagib Mahfus ging. "Nach allem, was man hört", schrieb Frank Schirrmacher in der FAZ, sei "dieser fleißige Schriftsteller" in Ägypten eine "durchaus repräsentative Gestalt". Es könne jedoch nicht angehen, dass man den Nobelpreis einem Autor zuerkenne, den "kaum jemand in Europa kennt" und von dessen Namen zudem, eine besonders unverzeihliche Entgleisung, "mindestens fünf verschiedene Schreibweisen existieren." Die Schwedische Akademie sei "auf dem besten Wege, ihre Reputation ein für allemal zu verspielen", und müsse "sehr aufpassen, dass sie eines Tages die, die sie zu ehren meint, nicht in Wahrheit beleidigt". Teile der arabischen Presse wiederum witterten Verschwörung und polemisierten gegen Mahfus: Hier werde ein Verräter an der arabischen Sache für seine unkritische Haltung gegenüber dem Westen und dem Friedensschluss von Camp David belohnt. Der inoffizielle west-östliche Wettbewerb um die ausgeprägtere Engstirnigkeit fiel unentschieden aus.

Die Verleihung des Nobelpreises an Mahfus aber hatte Signalwirkung. Die Zahl der deutschen Übersetzungen aus dem Arabischen stieg seitdem deutlich an. Der diesjährige Buchmessenschwerpunkt hat nun einen weiteren Schub ausgelöst. Dennoch steht die nach wie vor rudimentäre Präsenz der arabischen Literatur in einem krassen Missverhältnis zur Allgegenwart der arabischen Welt in den Medien. Obwohl der islamistische Terror, die trostlose Situation in Israel und Palästina und die nicht weniger verfahrene im Irak mit enervierender Aufdringlichkeit die Schlagzeilen beherrschen, zeichnet sich unser Wissen über die arabische Welt weiterhin durch beschämende Oberflächlichkeit aus. In Bezug auf die arabische Welt ist sicherlich richtig, was Medienkritiker als Zeichen unserer Zeit ausgemacht haben: Wir sind over-newsed and under-informed. Wenn es ein ehrliches Interesse an der arabischen Welt und den dort lebenden Menschen gäbe, dann müssten deutsche Übersetzungen arabischer Literatur allesamt Bestseller werden.

Der algerische Autor Habib Tengour (geboren 1947) beispielsweise spricht in seinem jüngsten Roman Der Fisch des Moses ein wahrlich brisantes Thema an. Darin geht es um drei Algerier, die sich den Mudschahedin in Afghanistan im Kampf gegen die sowjetischen Truppen anschließen. Nach dem Abzug der Russen trennen sich die Wege des ungleichen Trios, und jeder versucht auf seine Weise mit dem entstandenen Sinnvakuum zurande zu kommen. Der Physiker Mourad träumt, zerrissen zwischen bürgerlichen Idealen und der Sehnsucht nach dem einfachen Leben der Frommen, von Australien. Hasni, ein Heißsporn, will in Algerien am Aufbau eines Gottesstaates mitwirken und wird doch bloß zum gewöhnlichen Kriminellen. Kadirou, der Jüngste von den dreien, fällt in Pakistan einem Überfall von Waffenschmugglern zum Opfer. Der Fisch des Moses ist ein verstörender Roman über Identitäten und Sinnkrisen, ein packendes, dabei nie effekthascherisches Porträt von Suchenden, der die seit dem 11. September virulente Frage nach der Motivation islamistischer Extremisten wenn nicht beantwortet, so doch in ein anderes Licht stellt.

Der heute irgendwo zwischen Krieg und Bürgerkrieg changierende Irak ist Thema von Najem Wali. Der 1956 im Irak geborene, seit langem in Deutschland lebende Erzähler hat mit der Reise nach Tell al-Lahm einen temporeichen, an die Atmosphäre eines Roadmovies erinnernden Roman von burlesker Überspanntheit vorgelegt, eine Hymne an das pralle Leben unter verschärften Bedingungen. Er fängt die beklemmende Atmosphäre unter der Diktatur in einer anspielungsreichen Geschichte ein, die eine ausgeklügelte Bigotterie als letzte verbliebene Möglichkeit beschreibt, in den Nischen der Verlogenheit die eigene Haut zu retten und letzte Reste von Stolz zu wahren. Dem inmitten des um sich greifenden Wahnsinns um Fassung ringenden Erzähler bleibt angesichts verloren gegangener Orientierung nur die Rolle des Beobachters. Er kann bloß staunend "das Weltspektakel betrachten". Und die Leser mit ihm.

Der diesjährige Buchmessenschwerpunkt ist eine gute Wahl zur rechten Zeit, da er eine Gelegenheit bietet, tiefsitzende und alteingesessene Ängste zu hinterfragen. Aber nicht nur diffuse Ängste vor einem militanten Islam und die seit dem 11. September vorherrschenden negativen Bilder vom Fanatismus orientalischer Despoten und Terroristen stehen einer unbefangenen Begegnung mit der arabischen Welt im Wege. Die eher positiven Klischees von einer morgenländischen Idylle aus Tausendundeiner Nacht, wo man sich bauchtanzend und Wasserpfeife rauchend im Harem vergnügt oder durch die engen, stets verwinkelten und duftgeschwängerten Gassen der Basare streift, sind so tief in der westlichen Vorstellungswelt verankert, dass man die Gegenwart darüber nur zu gern vergisst. Die Erwartungshaltung des westlichen Publikums wird von den Verlagen bereitwillig bedient. Selten widersteht man der Versuchung, verkaufsfördernde Exotik in Form von Palmen, Kamelen oder verschleierten Frauen auf die Umschläge der Bücher zu drucken, auch wenn der Bezug zum Text zumeist höchst rätselhaft – also hier wirklich: schleierhaft – bleibt.

Es stimmt nicht, dass der Islam und die Moderne unvereinbar seien

Die Exotisierung der arabischen Welt steht als positive Diskriminierung einer ernsthaften Auseinandersetzung nicht weniger im Wege als die offene Verleumdung. Ob verniedlicht oder gefürchtet: Im Westen herrscht das Bild einer in jeder Hinsicht rückständigen, in überkommenen Traditionen schlummernden Gesellschaft vor, die sich erfolglos müht, Anschluss an die Moderne zu finden. Die alles bestimmende Rolle des Islams und die zugleich vorausgesetzte Unvereinbarkeit von Islam und Moderne werden beharrlich behauptet. Die Annahme, der Islam sei eine grundsätzlich rückständige Religion, die die von ihm geprägten Gesellschaften in einen idealtypischen Gegensatz zur Moderne setzt, stieg in den letzten Jahren zu einer kaum mehr hinterfragten Gewissheit auf.