Waldviertel nennen sie die Gegend. Das klingt abgelegen, das klingt nach Hinterwald und Dunkelheit, nach Einsamkeit und Ruhestatt. Steine soll es hier geben mit geheimnisvoller Kraft, an denen sich Menschen, die für Erdstrahlungen empfänglich sind, zu Séancen versammeln. Und Mohn gibt es dort oben. Schon seit dem 13. Jahrhundert wird er zwischen den Wäldern angebaut, der Papaver somniferum, die schlafbringende, schön blühende Pflanze mit ihren geheimnisvoll berauschenden Kräften. Die Kinder sollen hier früher mit Mohnzuzzeln in den Schlaf gelockt worden sein, kleinen Säckchen, gefüllt mit Zucker und Mohn, die man ihnen als Schnuller in den Mund schob. Boshafte Leute munkeln, mit den Säften des Mohns habe es auch zu tun, dass es im Waldviertel langsamer voranging mit dem Fortschritt als anderswo.

Ich folge von Wien aus der Straße nach Westen und stoße bei Krems auf die Donau. Ein strahlender Septembernachmittag. Der Fluss funkelt, die Weinberge leuchten, ein paradiesisch fruchtbares Land. Hinter Weißenkirchen geht es bergan, eine dreiviertel Stunde Serpentinen. Es wird kälter und karger. Hinter den ersten Ausläufern eines Tannenwaldes liegt Ottenschlag, ein Marktflecken mit Kirche und Schloss. Abseits des Ortes befindet sich das Erbeinöd der Familie Gressl. Es trägt den Namen Waldvierteler Mohnhof, seit sich die Gressls vor zwanzig Jahren auf die traditionelle Kulturpflanze ihrer Region besannen. Seitdem pflanzen sie drei Sorten Mohn, vor allem den grauen. Der Graumohn ist ein "sehender" Mohn mit kleinen "Augen" in der Kapsel, aus denen bei Wind der Samen rieselt. Deswegen wird er meist "händisch", mit den Händen geerntet; so geht am wenigsten verloren. Für dieses Jahr ist die Ernte eingebracht. In der Scheune sitzen Hilfskräfte zwischen Bergen von Mohnkapseln am Stiel. Jede wird einzeln begutachtet und in Kartons verpackt, um sie an Blumengeschäfte zu verkaufen.

Die Geschäfte laufen so gut, dass die Familie ein Mohnmuseum einrichten konnte, um am Image ihres Produktes zu feilen. Das scheint auch bitter nötig zu sein, denn offenbar fragen alle Besucher dasselbe: Wie es denn sei mit der berauschenden Wirkung? Margarete Gressl übt sich in Nachsicht. Gewiss: In den ersten Jahren sollen merkwürdige Gestalten nachts durch die Felder gestrichen sein, aber ohne Erfolg. In Österreich sind nur noch Sorten zugelassen, die kaum Alkaloide enthalten.

Das Museum ist ein Ort der Aufklärung für alle, die "Opium" verstehen, wenn sie "Mohn" hören. Dort kann man alles erfahren: dass der Waldvierteler Mohn seit Jahrhunderten als normale Nahrungsquelle angebaut wird. Dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg die Ernte beschlagnahmten, weil sie Schmerzmittel für ihre Soldaten brauchten, und dass die Einheimischen den Strudel, den sie aus dem heimlich zurückgehaltenen Mohn buken, deshalb "Galgenstrudel" nannten. Dass nach dem Krieg der Mohnanbau zum Erliegen gekommen war und erst in den achtziger Jahren wieder einen Aufschwung nahm. Dass man sich nun bei etwa zweihundert Hektar Anbaufläche stabilisiert hat und ganz auf Qualität setzt. Dass man aus Mohn ein köstliches Öl herstellen kann.

Vier verschiedene Mohnöle bieten die Gressls an, aus Grau-, aus Blau- und aus Weißmohn und eins mit Basilikum. Die Mohnsorten heißen nach der Farbe ihrer Samen, die gepresst sehr unterschiedliche Geschmacksnuancen ergeben. Das Öl aus Weißmohn schmeckt dezidiert nach Haselnuss, das Blaumohnöl hat leichte Bitternoten und jenen typischen Mohnduft, den man von frischen Mohnbrötchen kennt. Öl aus grauem Mohn ist diskreter im Geschmack. Es ist ein Öl für die feine Nase und den feinen Gaumen. Aber noch hält sich der Erfolg bei den Feinschmeckern in Grenzen. Zwar haben die Gressls Kontakte zu Hotelketten, aber die verwenden das Öl nicht zum Kochen, sondern stellen eine Flasche auf die Salattheke, wo sie gehobenes Niveau anzeigen soll. Dort hält sie sich lange.

Diskretion im Geschmack kennzeichnet auch manches andere Produkt aus dem hofeigenen Mohn-Shop. Der Papaverschnaps wird auf Apfelbrandbasis hergestellt und erst später mit Mohn versetzt. Ob man ihn herausschmecken kann? Ich weiß es nicht. In der köstlichen Weißmohnschokolade meine ich leichte Nussaromen zu erkennen, aber die können auch vom Mandelnougat herrühren. Ich kaufe eine Mohnölseife mit ganzen Samen, die wie Stracciatella-Eis aussieht und ein sanftes Peeling der Haut bewirken soll. Der Selbstversuch kann das nicht erhärten. Samtig werden die Hände nicht vom Peeling, sondern vom Öl.

Die nahrhafte Wirkung des Mohns ist weitaus leichter nachzuweisen – etwa, indem man von den Mohnzelten, einem üppig gefüllten Gepäck aus Kartoffelteig, nascht. Oma Gressl, die die Rechte am Rezept hält, gibt sich einsilbig, was die Zutaten betrifft. Spätere Recherchen ergeben, dass die Mohnfüllung je nach Gusto mit Zucker, Butter, Honig oder Marmelade, Vanille und Zimt angereichert werden kann – da hat jeder seine eigene Mischung. Die Gressls prägen das Christusmonogramm IHS auf ihre Zelten. Im religiösen Brauchtum verwurzelt sind die wuchtigen Teilchen zwar nicht. Aber die Ottenschlag-Touristen schätzen das Ursprüngliche, und da kommt das alte Symbol gerade recht.

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