Es beginnt mit einer Idylle, im Frühjahr 1955, in Beirut, wo der junge Schweizer Arabist Arnold Hottinger mit seiner amerikanischen Ehefrau von Bord eines Schiffes geht, um sich eine Wohnung zu suchen, von dort den Orient zu erkunden und sein in Basel erlerntes Arabisch in der Praxis zu üben: den Libanon zuerst, dann Syrien mit Damaskus und Aleppo, Jordanien, den Irak mit seiner friedlich-verschlafenen Hauptstadt Bagdad, schließlich auch die iranische Welt, Afghanistan und Pakistan, in klapprigen Bussen oder Sammeltaxis auf meist ungeteerten Straßen, mit Stationen an lauschigen Teehäusern unter Bäumen und Nächten in persischen Mosafer Khanes, den freundlichen Gasthäusern Irans – einen Orient, der so heute nicht mehr existiert.

Doch schon bald ziehen Wolken über der Idylle auf. In Kairo erlebt der Student 1956 die Sues-Krise und die militärische Intervention der Briten und Franzosen im Bündnis mit der israelischen Armee, und von da an lässt ihn die nahöstliche Politik nicht mehr los, auch wenn er zunächst eine wissenschaftliche Karriere weiterverfolgt, zuletzt bei dem renommierten österreichisch-amerikanischen Orientalisten Gustav von Grunebaum in Los Angeles. Schon vorher hatte Hottinger ein Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung absolviert, die ihn alsbald seiner Sprach- und Landeskenntnisse wegen – später lernte er auch Persisch und Türkisch – als Korrespondent nach Beirut zurücksendet. Damit beginnt eine außerordentliche Journalistenkarriere, die ein Leben lang mit dem Nahen Osten – von Marokko bis Pakistan – verbunden bleiben sollte. Zuerst von Beirut aus, dann seit 1967 mit dem Sitz in Madrid und dem näheren Blick auf den Maghreb, und zuletzt – 1982 bis 1991, von Nikosia auf Zypern aus – hat Hottinger die islamische Welt bereist, beobachtet und beschrieben, in zahllosen Beiträgen für die NZZ und den Schweizer Rundfunk und in einem guten Dutzend Büchern.

Jetzt hat der Achtundsiebzigjährige seine Erinnerungen vorgelegt, in denen er die fünfzig Jahre nahöstlicher Politik, deren Zeuge er war, kenntnisreich beschreibt. Den Rahmen bilden die Schilderungen seiner Reisen, häufig in Begleitung seiner Frau und der drei Kinder; das Buch schließt sehr persönlich mit einem Blick auf das Krankenbett seiner sterbenden Frau, die fünfzig Jahre lang seine Gefährtin war. Doch die persönlichen Erinnerungen bilden nur die Folie für die Beschreibung und Analyse der politischen Vorgänge, die der Nahostkorrespondent zu beobachten hatte. Im Prinzip dem chronologischen Zeitablauf folgend, wachsen sie sich immer wieder zu zusammenhängenden, oft vor- oder zurückweisenden Darstellungen der politischen Entwicklung einzelner Länder aus. So entstehen geschlossene Darstellungen etwa des Nahostkonflikts, des libanesischen Bürgerkrieges, der islamischen Revolution in Iran oder der Entwicklung des Islamismus als moderner politischer Ideologie. Dabei gilt Hottingers scharfer Blick immer wieder der "Rückseite des Teppichs", dem hinter der Fassade der Institutionen – Verfassung, Präsident, Regierung und Parteien –, aber auch hinter dem islamischen Muster verborgenen Gewebe von Patronage und Klientel, von persönlicher Autorität und loyalem Gefolge, das in fast allen nahöstlichen Ländern das eigentliche Geschehen bestimmt.

Hottingers Sympathie für die arabische Welt ist nie unkritisch, und sie folgt durchaus auch nicht gängigen westlichen Klischees. Bemerkenswert ist seine sehr kritische Beurteilung der Außenpolitik Anwar al-Sadats. Der im Westen wegen seines Fluges nach Jerusalem, seiner Rede vor der Knesset und des Sonderfriedens von Camp David mit Israel als Friedensheld gefeierte ägyptische Präsident erscheint bei ihm in scharfer Beleuchtung: Sadats Sonderfriede und damit das Ausscheiden des volkreichsten und militärisch stärksten arabischen Landes aus dem gemeinsamen Bündnis habe die Verhandlungsposition der Araber entscheidend geschwächt und der Rechten in Israel zum Sieg und zu der Möglichkeit verholfen, ihre Ziele der fortgesetzten Landnahme und der dauernden Verhinderung eines Palästinenserstaates zu realisieren; der geltungsbedürftige Sadat – so Hottinger – sei von Menachem Begin und Mosche Dajan für diese ihre Ziele geradezu instrumentalisiert worden.

Das Fazit von Hottingers Buch fällt ernüchternd, ja pessimistisch aus. Der "Friedensprozess" im Palästinakonflikt wird von ihm immer nur in Anführungszeichen gesetzt, weil er weder der israelischen Rechten noch den USA, noch den palästinensischen Extremisten einen wirklichen Willen zum Frieden zutraut. Das nation-building der USA im besetzten Irak erscheint ihm ebenfalls als Illusion angesichts der unvereinbaren Interessen und Ziele der Schiiten, Sunniten und Kurden. Die Kultur der Araber selbst hält er für bedroht, sodass er am Schluss seines Buches düstere Reflexionen darüber anstellt, ob und wie eine ganze Kultur verschwinden könne.

Schade, dass ein so umfangreiches Werk ohne Index auskommen muss und offenbar infolge der eiligen Drucklegung – das Manuskript wurde im Februar 2004 abgeschlossen – zahlreiche Druckfehler aufweist. Doch das tut dem lebendigen, sehr lesenswerten Buch eines bedeutenden Journalisten keinen Abbruch.