Lesen kann Schwerarbeit sein. "Wie nach einer Schicht im Bergwerk" sehe er aus, wenn er die staubigen Akten des Vatikanischen Archivs gesichtet habe, sagt Hubert Wolf. Stundenlang graben er und seine Mitarbeiter sich in Rom durch die Sedimente der Jahrhunderte, wälzen lateinische Handschriften und drücken sich den Hintern auf unbequemen Holzstühlen platt. Die Arbeit im unklimatisierten Lesesaal, in dem selbst im Hochsommer Sakkopflicht herrscht, verlange "wirklich ernste Opfer", stöhnt der Kirchengeschichtler. Dennoch ist Hubert Wolf derzeit einer der glücklichsten Geisteswissenschaftler Deutschlands.

Während seine Kollegen über Kürzungen und Stellenstreichungen klagen, ist Wolf auf eine Goldader gestoßen, die ihm nicht nur höchstes Renommee beschert, sondern auch Forschungsmittel, von denen andere nur träumen. Mit rund 200000 Euro pro Jahr fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) seine Aufklärungsarbeit in den Geheimarchiven des Vatikans, die erst seit 1998 zugänglich sind. Für seine ersten spektakulären Ergebnisse erhielt Wolf im vergangenen Jahr den mit 1,55 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis. Und nächste Woche wird ihm auch noch der Communicator-Preis der DFG und des Stifterverbands für "die beste Vermittlung von Wissenschaft in die Öffentlichkeit" überreicht.

Dabei wirkt der 44-jährige Gelehrte auf den ersten Blick eher zurückhaltend. Denkerstirn, randlose Brille, beigefarbenes Jackett – nichts deutet darauf hin, dass sich hinter dem biederen Äußeren des Ordinarius für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte ein brillanter Geist verbirgt. Sobald er aber in schwäbischem Zungenschlag von seiner Arbeit erzählt, kommt Feuer in den Mann. Dann schwärmt er von der "Goldgräberstimmung" seiner Forschung, von den "Nuggets", die man im Archivio Segreto Vaticano finde, und vom "kriminalistischen Spürsinn", den es dazu brauche.

Warum steht Heine auf dem Index – Hitler aber nicht?

Denn die lange verschlossenen Archive der Heiligen Römischen und Universalen Inquisition und der Römischen Indexkongregation bergen einige der dunkelsten Kapitel der katholischen Kirchengeschichte. Während die 1542 gegründete Inquisition abweichlerische Ketzer wie Martin Luther bekämpfte, verzeichnete der 1571 ins Leben gerufene Index librorum prohibitorum all jene Bücher und Autoren, die bei Strafe der Exkommunikation von Katholiken weder gelesen, besessen noch verkauft werden durften. Bis zur offiziellen Aufhebung der Inquisition durch Papst Paul VI. im Jahr 1967 begutachtete die vatikanische Zensur nahezu alle wichtigen Publikationen weltweit – für Hubert Wolf "ein einmaliger Schatz", der Aufschluss über "die Geschichte des Wissens, seiner Vermittlung und seiner Kontrolle" gleichermaßen gebe.

Dabei interessieren den Kirchenhistoriker vor allem die politischen Argumente und Hintergründe, die dazu führten, dass manche Autoren auf dem Index landeten, andere aber nicht. Warum etwa wurde Hitlers Mein Kampf nie verboten? "Im Grunde war die Liste der Gutachten und der Verurteilung von Mein Kampf schon fertig – und wurde im letzten Moment gestoppt." Geschah das auf Veranlassung des damaligen Papstes Pius XI.? Oder steckte dessen Staatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., dahinter, auf dessen Veranlassung sämtliche Kommentare zu den (im Vatikan bekannten) Gräueltaten der Nationalsozialisten als "molto delicato" eingestuft wurden? "Vermutlich siegte die Angst vor einer solchen ›delikaten‹ Situation über die Klarheit katholischer Glaubensüberzeugungen", sagt Wolf. "Einen legal an die Macht gekommenen Reichskanzler konnte man aus Gründen der Opportunität nicht mehr indizieren." Nun hat er die Dokumente zu diesem "ebenso spannenden wie bedrückenden Fall" gesichtet und will ihn demnächst in einer Fachzeitschrift "gründlich aufarbeiten" – auch wenn ihm das "manche kräftig übel nehmen werden", wie ihm schon jetzt schwant.

Anpassung jedoch war nie die Stärke des Bauernsohnes, der aus der kleinen Gemeinde Wört auf der schwäbischen Alb stammt. Schon seine Abiturprüfung verwandelte er in ein Streitgespräch mit dem Prüfungsvorsitzenden, mit dem er nicht einer Meinung war.

Denn Wolfs Herz schlägt zwar für die Theologie – "Ich bin katholisch sozialisiert und habe den ganzen Schwung des 2. Vatikanischen Konzils mitbekommen" –, doch im Kopf trägt er auch die Mahnung seines Geschichtslehrers: "Glaubt nicht, was in den Büchern steht. Seht lieber selbst nach." Schon während des Theologiestudiums in Tübingen fiel er durch kritische historische Arbeiten auf. Zum Teil verkaufte der journalistisch begabte Student seine Erkenntnisse auch an die Lokalzeitung weiter und verdiente sich so ein Zubrot. Nach dem Diplom mit 23 Jahren ließ er sich zum Priester weihen und war dann doch "a bissle sauer", als der Bischof ihn, einen Einserkandidaten, als Vikar in eine kleine Pfarrei im schwäbischen Rechberghausen abkommandierte.