Kassen-Klingeln

Vielleicht wird die Revolution, die gerade die Popmusikindustrie umwälzt, an dieser kleinen Meldung am deutlichsten: Die Musiker von U2, einer der erfolgreichsten Rockbands der vergangenen zwanzig Jahre, haben sich dazu entschlossen, zu ihrem nächsten Album gleich auch eine Auswahl von Klingeltönen zu produzieren, jenen Geräuschen, mit denen immer mehr Menschen ihre Handys läuten lassen.

Diese Revolution, die nächste Woche auch auf der Berliner Popkomm-Messe diskutiert werden wird, ist von mehreren Orten ausgegangen. Einen ihrer Anfänge nahm sie hoch über der Spree, in den lichtdurchfluteten Fabriketagen der Firma Jamba! in Berlin-Kreuzberg, in Büros, voll gestellt mit Monitoren. Wäre das hier circa 1999, würde diese Firma irgendeine Internet-Idee für irgendwelche Investoren entwickeln, um circa 2002 insolvent zu sein. Doch dies hier ist das Jahr 2004, und in den Fabriketagen wird echtes Geld verdient. Mit Musik.

Man sieht Menschen mit Headsets in den bunten Haaren und Piercings in den Nasen. Vor zwei Jahren hatte Jamba 48 Mitarbeiter, jetzt sind es 360, bald sollen noch einmal 150 hinzukommen. Das Durchschnittsalter beträgt 26 Jahre. Die Atmosphäre ähnelt jener in einem Internet-Café.

Auf den Computerservern von Jamba lagern rund 20000 Möglichkeiten, ein Mobiltelefon klingeln zu lassen. Jede kostet im Verkauf etwa zwei Euro. Und Jamba verkaufte im vergangenen Jahr zehn Millionen dieser Songs, wenn man Soundschnipsel von 30 Sekunden Länge so nennen will. Aber niemand in der Musikbranche lästert darüber. Klingeltöne sind das Einzige, was derzeit boomt.

Tom Lange, 36, ist studierter Jazz-Pianist und der Musikchef von Jamba. Er arbeitet mit einem achtköpfigen Team daran, aktuelle Hits für das Telefon aufzubereiten. Dafür müssen die meisten Stücke neu eingespielt und auf die entsprechenden technischen Standards für Hunderte von Handy-Modellen umgewandelt werden. Mono, Poly oder Real heißen diese Standards. Langes Kernzielgruppe ist unter 20. Für sie konzentrieren Lange und seine Mitarbeiter jedes Stück auf seine Essenz. Der Klingelton hat wenig Zeit für Romantik. Er muss sofort zur Sache kommen, zum Refrain.

Seit einem halben Jahr werden in Deutschland mehr Klingeltöne als Singles verkauft. Bei einzelnen Produkten, besonders bei denen so genannter Teenie-Stars, machen Klingeltöne schon bis zu zwanzig Prozent des Umsatzes aus. Ältere Menschen fragen sich, warum die Jugend lieber zwei Euro für einen kurzen Schnipsel ausgibt, als die ganze Platte zu kaufen. Marketingleute sprechen dann von "Profilierungs-Tools" oder "Distinktionsgewinnen". Übersetzt heißt das: Die Jugend kauft sich Musik heute nicht mehr nur zum Hören, sondern um andere mithören zu lassen. Der Pop-Klingelton wirkt identitätsbildend wie ein Turnschuh. Lass dein Handy klingeln, und ich sage dir, wer du sein willst.

Ein amerikanischer Investor hörte die Signale: Das Telekommunikationsunternehmen Verisign übernahm im Mai die gerade erst vier Jahre alte Firma Jamba für 273 Millionen Dollar. Und das Klingeln war erst der Anfang, der Einstieg in den mobilen Unterhaltungsmarkt. Bei den rasant steigenden Datenraten im Mobilnetz kann man bald MP3-Dateien direkt aufs Telefon verkaufen. Und natürlich auch Software, Spiele, Videos. Mit dem Mobiltelefon hat der Kunde den Shop schon in der Tasche.

In Sichtweite, auf der anderen Seite der Spree, steht ein Gebäude, zu dem Jamba eine Standleitung legen könnte. Es ist die deutsche Niederlassung von Universal Music, der weltweit größten Musikfirma. Hier, wie bei den anderen Konzernen auch, haben bereits viele Menschen ihren Arbeitsplatz verloren – ein Geschäftszweig aber expandiert rasant: Universal Mobile hat in eineinhalb Jahren 150 Mitarbeiter eingestellt. Die Firma verarbeitet die Songs ihrer Künstler selbst und liefert Anbietern wie Jamba fertige Klingeltöne. Man will die Kontrolle über die Qualität behalten – und über die Marge: Wenn der Klingelton zwischen 2 und 2,50 Euro kostet, gehen davon 80 Cent bis 1,40 Euro an Universal Mobile.

Kassen-Klingeln

In den Regalen, in denen früher CDs standen, liegt heute nur noch Staub

So viel zu den Gewinnern der Revolution. Und die Verlierer? Samstagmittag – das war früher einmal High Noon bei WOM in der Augsburger Straße in Berlin. WOM steht für World of Music und ist eine große Ladenkette, die in vielen deutschen Städten Filialien betreibt. Eine davon ist das Geschäft in der Augsburger Straße, Nähe Kurfürstendamm. Es hat bessere Tage gesehen. In manchen Regalen liegt nur noch Staub, in den Schaufenstern hängen Plakate mit Ausverkaufsrabatten, tief im Laden steht ein Stapel von CD-Playern, zehn Euro das Stück. Auf ihnen ließen sich Kunden früher CDs vorspielen. Heute, sagt Jens-Peter Labus, Deutschland-Geschäftsführer, seien viele Kunden über 40. Labus hat 1986 in der Augsburger Straße als Verkäufer angefangen, Spezialgebiet: Rock, Heavy Metal, Independent. Er kann sich noch gut an den Tag erinnern, an dem die Filiale eröffnet wurde. Über einhundert Menschen warteten draußen. Als die Türen aufgingen, drängten alle zu den CDs. Damals glitzerte die Zukunft. Heute kennt Labus jede Menge junger Leute, die zwar Tausende dieser silberglänzenden Scheiben zu Hause haben – aber keine einzige davon gekauft. Und so schließt die WOM-Filiale am Kurfürstendamm am 30. Oktober.

Der Markt für Tonträger hat in den vergangenen fünf Jahren etwa 40 Prozent Umsatz verloren. Bei Konzerten sieht das anders aus: Sie kann man nicht kopieren, man muss sie sehen. Deshalb wird in Deutschland mittlerweile doppelt so viel Geld für live erlebte Musik ausgegeben wie für konservierte, 2,8 Milliarden Euro im vergangenen Jahr, Tendenz steigend. Das Geld ist also da.

Vor zehn Jahren war Tim Renner, heute 39, leitender Angestellter der Plattenfirma Polydor und arbeitete an einer Studie mit, in der die Krise angekündigt wurde. Der Vorstand bedankte sich für die Mühe seiner Mitarbeiter, ignorierte die Ergebnisse – und ging wieder zur Tagesordnung über.

Tim Renner aber hat dann Karriere gemacht. Er war bis Anfang des Jahres Deutschland-Chef von Universal Music. Im Januar hörte er überraschend auf; die Konsolidierungspolitik der Konzernzentrale und Renners Kurs passten nicht mehr zusammen. Renner hatte auf unkonventionelle Musik und deutsche Bands gesetzt. Die Zentrale wollte dagegen zunehmend globale Megaseller.

Nun später sitzt Tim Renner in einem Büro in Berlin-Mitte. In den leeren Räumen stehen noch Umzugskartons. Renner will neu anfangen. Er managt Künstler, bewirbt sich um Radiofrequenzen und hat ein Buch geschrieben: Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm, es erscheint in diesen Tagen. Darin schreibt Renner über Karawanen von Stretch-Limousinen voll selbstgefälliger Manager aus der Musikindustrie. Sie waren das Feinbild vieler Fans und eine prima Rechtfertigung zum Schwarzbrennen von CDs. Auch Tim Renner war Teil des Systems: Er inszenierte sich wie ein Außenseiter mit strubbeligen Haaren und war doch einer der Bosse.

Wie geht es weiter? Wie bekommt man die Leute wieder dazu, für Musik zu bezahlen? In England und Frankreich, wo Popmusik in stärkerem Maße Teil der kulturellen Identität ist, ist auch das Kopierproblem nicht so ausgeprägt. "Wen man kennt", sagt Renner, "den bestiehlt man nicht so leicht." Tom Lange, der Musikchef von Jamba, sagt, von Klingeltönen könne er als Musiker eine Menge lernen. Zum Beispiel wie ein Hit funktioniere. Wenn Melodie und Rhythmus nicht stimmten, liefe gar nichts. Genau das sei und bleibe Geheimnis eines guten Pop-Songs. Niemand könne genau sagen, warum er funktioniert. Nur dass ihn sich Teenager früher dreieinhalb Minuten lang angehört haben und heute nur noch dreißig Sekunden. Die Beschleunigung macht auch vor dem Pop nicht Halt.