In den Regalen, in denen früher CDs standen, liegt heute nur noch Staub

So viel zu den Gewinnern der Revolution. Und die Verlierer? Samstagmittag – das war früher einmal High Noon bei WOM in der Augsburger Straße in Berlin. WOM steht für World of Music und ist eine große Ladenkette, die in vielen deutschen Städten Filialien betreibt. Eine davon ist das Geschäft in der Augsburger Straße, Nähe Kurfürstendamm. Es hat bessere Tage gesehen. In manchen Regalen liegt nur noch Staub, in den Schaufenstern hängen Plakate mit Ausverkaufsrabatten, tief im Laden steht ein Stapel von CD-Playern, zehn Euro das Stück. Auf ihnen ließen sich Kunden früher CDs vorspielen. Heute, sagt Jens-Peter Labus, Deutschland-Geschäftsführer, seien viele Kunden über 40. Labus hat 1986 in der Augsburger Straße als Verkäufer angefangen, Spezialgebiet: Rock, Heavy Metal, Independent. Er kann sich noch gut an den Tag erinnern, an dem die Filiale eröffnet wurde. Über einhundert Menschen warteten draußen. Als die Türen aufgingen, drängten alle zu den CDs. Damals glitzerte die Zukunft. Heute kennt Labus jede Menge junger Leute, die zwar Tausende dieser silberglänzenden Scheiben zu Hause haben – aber keine einzige davon gekauft. Und so schließt die WOM-Filiale am Kurfürstendamm am 30. Oktober.

Der Markt für Tonträger hat in den vergangenen fünf Jahren etwa 40 Prozent Umsatz verloren. Bei Konzerten sieht das anders aus: Sie kann man nicht kopieren, man muss sie sehen. Deshalb wird in Deutschland mittlerweile doppelt so viel Geld für live erlebte Musik ausgegeben wie für konservierte, 2,8 Milliarden Euro im vergangenen Jahr, Tendenz steigend. Das Geld ist also da.

Vor zehn Jahren war Tim Renner, heute 39, leitender Angestellter der Plattenfirma Polydor und arbeitete an einer Studie mit, in der die Krise angekündigt wurde. Der Vorstand bedankte sich für die Mühe seiner Mitarbeiter, ignorierte die Ergebnisse – und ging wieder zur Tagesordnung über.

Tim Renner aber hat dann Karriere gemacht. Er war bis Anfang des Jahres Deutschland-Chef von Universal Music. Im Januar hörte er überraschend auf; die Konsolidierungspolitik der Konzernzentrale und Renners Kurs passten nicht mehr zusammen. Renner hatte auf unkonventionelle Musik und deutsche Bands gesetzt. Die Zentrale wollte dagegen zunehmend globale Megaseller.

Nun später sitzt Tim Renner in einem Büro in Berlin-Mitte. In den leeren Räumen stehen noch Umzugskartons. Renner will neu anfangen. Er managt Künstler, bewirbt sich um Radiofrequenzen und hat ein Buch geschrieben: Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm, es erscheint in diesen Tagen. Darin schreibt Renner über Karawanen von Stretch-Limousinen voll selbstgefälliger Manager aus der Musikindustrie. Sie waren das Feinbild vieler Fans und eine prima Rechtfertigung zum Schwarzbrennen von CDs. Auch Tim Renner war Teil des Systems: Er inszenierte sich wie ein Außenseiter mit strubbeligen Haaren und war doch einer der Bosse.

Wie geht es weiter? Wie bekommt man die Leute wieder dazu, für Musik zu bezahlen? In England und Frankreich, wo Popmusik in stärkerem Maße Teil der kulturellen Identität ist, ist auch das Kopierproblem nicht so ausgeprägt. "Wen man kennt", sagt Renner, "den bestiehlt man nicht so leicht." Tom Lange, der Musikchef von Jamba, sagt, von Klingeltönen könne er als Musiker eine Menge lernen. Zum Beispiel wie ein Hit funktioniere. Wenn Melodie und Rhythmus nicht stimmten, liefe gar nichts. Genau das sei und bleibe Geheimnis eines guten Pop-Songs. Niemand könne genau sagen, warum er funktioniert. Nur dass ihn sich Teenager früher dreieinhalb Minuten lang angehört haben und heute nur noch dreißig Sekunden. Die Beschleunigung macht auch vor dem Pop nicht Halt.