Dieses Plakat aus Nordkorea spricht Klartext: Die roten Waffen lassen sich von einer Vogelscheuche namens »Atomwaffensperrvertrag« nicht am Kampf gegen die USA hindern

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Die gegenwärtig tagende Generalversammlung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), normalerweise ein Routinetermin, wird von schlechten Neuigkeiten überschattet: Nordkorea gab den Abbruch aller Gespräche über seine Atomrüstung bekannt, weil Südkorea verbotene Nuklearversuche zugegeben hat; Iran wiederum droht, nach dem Vorbild Pjöngjangs den Atomwaffensperrvertrag zu kündigen. Da könnten zwei Laufmaschen aufreißen: Die Nuklearrüstung der asiatischen Absurdokommunisten veranlasst womöglich irgendwann Japan, nach Atomwaffen zu greifen – die gesamte Region geriete in Unruhe. Noch dramatischer wäre der Ausstieg Irans aus dem Vertrag; schon heute droht die Atommacht Israel mit Militärschlägen gegen die iranischen Nuklearanlagen.

Muss man wieder Angst vor einem Atomkrieg haben? Sie grassierte vor knapp 20 Jahren, namentlich in der Bundesrepublik. Zu Hunderttausenden versammelten sich die Westdeutschen auf Friedensdemonstrationen, während ihre Kinder in den Schulen lernten, Fantasien der Zerstörung auf Papier zu malen.

Im Kalten Krieg waren die Konflikte wenigstens noch überschaubar

Dabei gab die Polarität des Kalten Krieges der Weltpolitik eine berechenbare Struktur, stabilisiert durch mehr oder weniger rationale Akteure in Washington und Moskau. Heute dagegen lässt sich die Welt als ein Netz beschreiben, dessen Knoten regionale Krisen sind, die nuklear aufplatzen können. Außer an die koreanische Halbinsel und den Mittleren Osten wäre da an den Konflikt zwischen den Atommächten Pakis-tan und Indien zu denken, theoretisch auch an die potenziellen Nuklearstaaten Brasilien und Argentinien. Nicht zu vergessen der Terrorismus, der einen asymmetrischen Krieg führt: Fanatiker können wieder und wieder versuchen, an Atomsprengstoff zu gelangen, etwa in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Ein Misserfolg wird sie nicht von ihrem Plan abhalten, ein Erfolg indes würde die Welt verändern.

Der Atomwaffensperrvertrag von 1968, über dessen Einhaltung die IAEA wacht, verbietet den Nichtkernwaffenstaaten die Atomrüstung und unterwirft sie Kontrollen. Dafür sichert der Vertrag Hilfe bei der zivilen Nutzung der Kerntechnik zu und verpflichtet die unterzeichnenden Nuklearmächte (USA, Russland, England, Frankreich, China), sich ernsthaft um Abrüstung zu bemühen (»to pursue negotiations in good faith«). Dieser Pakt hat lange Zeit einigermaßen funktioniert. Zwar existieren mit Indien, Pakistan und Israel drei Atommächte, die dem Vertrag nie beigetreten sind, aber immerhin haben die Vertragspartner Brasilien und Südafrika ihre Atomwaffenprogramme beendet (böse Zungen sagen: eingemottet), und über viele Jahre hinweg traten keine nuklearen Aspiranten auf den Plan. Dann aber kam es Schlag auf Schlag. Iraks Atomrüstung konnte 1990/1991 noch durch Krieg beendet werden, auch die Aufdeckung pakistanischen Nuklearschmuggels und der Verzicht Libyens auf sein Atomprogramm waren ein Erfolg – doch zugleich zeigten diese Fälle, dass es über Jahre möglich gewesen war, die Weltöffentlichkeit hinters Licht zu führen. Das hat auch Teheran lange Zeit getan, weshalb den Beteuerungen der Mullahs, die Bombe nicht zu wollen, wenig Vertrauen geschenkt wird.

Hinter den aktuellen Krisen lauert ein prinzipielles Problem. Eine zunehmende Zahl von Entwicklungsländern hat Anschluss an die Globalisierung gefunden und will die Kernenergie nutzen. Der Atomwaffensperrvertrag untersagt ihnen nicht, den Brennstoff dafür selbst herzustellen: mittels Anreicherung von Uran oder durch Recycling benutzter Brennstäbe. Da hat Iran leider Recht, und wenn es sich tausendmal um ebenjene Technik handelt, die sich für militärische Zwecke umwidmen lässt.

Es muss also etwas geschehen, und siehe da: In die Atomdiplomatie ist Bewegung gekommen. Erstens arbeiten etliche Staaten (auch Deutschland) in der von US-Präsident Bush gegründeten Proliferation Security Initiative zusammen, um Nuklearschmuggel mit polizeilichen Mitteln zu unterbinden. Zweitens werden brisante Spaltstoffe aus dem ehemaligen Sowjetreich nach Amerika geschafft, um sie dort (finanziert von den USA) unschädlich zu machen. Drittens werben die USA für ein Abkommen namens Fissile Materials Cutoff Treaty, das alle Welt verpflichten soll, keine neuen Spaltstoffe herzustellen. Das freilich klingt besser, als es ist. Denn nach amerikanischer Vorstellung soll der Vertrag keinen Mechanismus zur Überprüfung enthalten. Damit wäre er wertlos. Merkwürdig: Waren es nicht früher Washingtons Diplomaten, die bei sämtlichen Abrüstungsverhandlungen auf penibler Verifikation bestanden? Der gegenwärtige Kurs ihrer Regierung ist auch Experten ein Rätsel.

V iertens kursiert die amerikanische Idee, nur jenen Ländern die Uran-Anreicherung und das Plutonium-Recycling zu gestatten, die solches schon betreiben. Das setzt am Kern des Problems an, wäre aber faktisch ein Kartell einiger Industrieländer (Deutschland eingeschlossen) gegen den Rest der Welt. Als Moratorium, wie vor einem Vierteljahr vom G8-Gipfel in Sea Island beschlossen, mag Derartiges noch sinnvoll sein – als einseitig erklärte Technologieverweigerung hingegen ließe es sich weder rechtlich noch faktisch durchsetzen. Fünftens gibt es das vom IAEA-Chef Mohammed ElBaradei wiederbelebte Konzept, die Arbeit an nuklearen Brennstoffen nur noch unter multinationaler Regie zu erlauben; im Gegenzug erhalten alle Staaten, die Kernkraftwerke nutzen wollen, Liefergarantien.