Kreditderivate sind finanzielle Zeitbomben", warnte schon vor mehr als einem Jahr der US-Großinvestor Warren Buffet. In Hamburg ist nun ein Exemplar detoniert: Die HSH Nordbank muss einen hohen zweistelligen Millionenbetrag – möglicherweise sogar noch mehr – abschreiben, weil sie sich mit diesen komplexen Finanzkonstruktionen verspekuliert hat. Damit dürfte das Institut nach Ansicht vieler Bankenexperten nur die Spitze eines Eisbergs bilden, denn Verluste aus solchen Transaktionen können in den Bankbilanzen gut versteckt werden. Öffentlich wurde dieser Fall nur, weil die HSH Nordbank nun die britische Investmentbank Barclays als Verkäuferin der wertlos gewordenen Wertpapiere auf Schadenersatz verklagen will.

Der weltweite Markt für diese Geschäfte ist in den letzten Jahren fast explosionsartig gewachsen, denn Kredite werden mehr und mehr zur Handelsware. Nach einer aktuellen Studie der Rating-Agentur Fitch liegt das Volumen der weltweit gehandelten Kreditderivate derzeit bei drei Billionen US-Dollar – das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg von gut 70 Prozent. Vor allem die großen Investmentbanken reichen einen Großteil ihrer ausgegebenen Kredite an Investoren weiter oder sichern sich mit diesen Finanzkonstruktionen gegen Zahlungsausfälle ab.

Investoren, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen

Diese sind entweder ähnlich wie eine Kreditversicherung oder wie eine Anleihe aufgebaut. Bei der versicherungsähnlichen Variante zahlt die kreditgebende Bank dem Garantiegeber eine Prämie dafür, dass dieser einspringt, wenn der Schuldner nicht mehr bezahlen kann. Diese Gattung wird im Fachjargon Credit Default Swap oder CDS genannt. Der Unterschied zur Versicherung besteht jedoch darin, dass die Garantien handelbar sind. Die Konsequenz: Bei einem Ausfall des Schuldners muss derjenige zahlen, der gerade im Besitz des CDS ist. Die Alternative besteht darin, eine Anleihe in Höhe des abzusichernden Kreditvolumens herauszugeben und deren Zins- oder Tilgungszahlungen von der Höhe der Kreditausfälle abhängig zu machen. Je nach Aufbau heißen diese Papiere Collateralized Debt Obligation (CDO) oder Asset Backed Securities (ABS).

Der Markt wächst nicht nur, weil die Banken in Zeiten schärferer Risikorichtlinien ihre Kredite verstärkt absichern wollen. Auch die Nachfrage seitens großer institutioneller Investoren ist groß, weil in Zeiten niedriger Zinsen viele von ihnen schon fast verzweifelt nach renditeträchtigen Anlageformen suchen. Käufer sind dabei nicht nur Fonds und Versicherungen, sondern paradoxerweise auch wieder Banken. Während auf der einen Seite die Bilanz über die Ausgabe von Kreditderivaten von Risiken entlastet wird, werden auf der Anlagenseite ähnliche Derivate wieder hereingeholt, um mit diesen Kapitalanlagen mehr Gewinn zu erzielen.

Doch der Preis für die höheren Gewinnchancen wird mit einem beträchtlichen Risiko erkauft. Mit klassischen Unternehmensanleihen haben diese Papiere nur wenig gemeinsam. Die Kredite, die hinter den Derivaten stehen, werden von den Konstrukteuren nach geheimnisvollen Formeln zusammengemixt. Ebenso unklar ist oft sogar die entscheidende Frage, wann die herausgebende Bank ein Kreditderivat nicht mehr zurückzahlen muss. Ausschlaggebend hierfür sind Credit Events, was im Fachjargon die Bezeichnung für Zahlungsausfälle ist. Doch je nach Auslegung kann es durchaus vorkommen, dass Kreditderivate wertlos werden, auch wenn der dahinter stehende Schuldner keine Insolvenz angemeldet hat. So listet Fitch in seiner aktuellen Credit-Event-Rangliste den britischen Atomkraftwerksbetreiber British Energy als zweitgrößten Ausfall mit einem Schaden von 273 Millionen US-Dollar, obwohl das Unternehmen nur eine Umschuldung hinter sich hat.

Ob die Risiken von den Investoren immer rechtzeitig und in vollem Umfang erkannt werden, wird von vielen Fachleuten angezweifelt. Bei der HSH Nordbank – hervorgegangen aus der Fusion von Hamburgischer Landesbank und LB Kiel – war dies offenbar nicht der Fall, und die Nachhilfe in Sachen Anlagerisiko war teuer. Mehr als eine halbe Milliarde Euro haben die norddeutschen Landesbanker den Briten von Barclays anvertraut, ein guter Teil davon ist mittlerweile im Nirwana verschwunden. Vor einigen Jahren hatte die LB Kiel 151 Millionen US-Dollar in eine von Barclays gebastelte CDO investiert, die Hälfte davon musste abgeschrieben werden. Weitere CDO-Anlagen in Höhe von ursprünglich 420 Millionen US-Dollar hatte die Hamburgische Landesbank getätigt. Wie viel davon noch übrig ist, mag die HSH Nordbank nicht beziffern. Vor dem Londoner High Court will das norddeutsche Institut nun Schadenersatz einklagen. "Es geht um die Art und Weise, wie der Verkauf des Investments erfolgte und die Anlage dann von Barclays Capital gemanagt wurde", sagt eine Sprecherin der HSH Nordbank.

Insgesamt gebe es 16 ähnlich gestrickte Barclays-Kreditderivate im Gesamtvolumen von rund 15 Milliarden US-Dollar, die zwischen 2000 und 2002 an institutionelle Anleger verkauft wurden, so die HSH Nordbank. Nach Aussagen aus Branchenkreisen handelt es sich bei den Barclays-Derivaten, mit denen die Landesbank baden ging, um besonders komplizierte Konstruktionen namens Nerva und Corvus. "Die Derivate werden nicht mit real existierenden Kreditportfolios unterlegt, sondern wiederum mit anderen Kreditderivaten", erläutert ein Kenner der Produkte. Wenn eines der darin enthaltenen Papiere zu wackeln beginne, setze sich ein regelrechter Dominoeffekt in Gang. Welche Risiken konkret mit den Papieren verbunden sind, wie viel vom ursprünglichen Emissionsvolumen von 15 Milliarden US-Dollar noch vorhanden ist, ob die HSH Nordbank tatsächlich die genannten Verluste erlitten hat, ob und in welcher Höhe andere Investoren betroffen sind – zu all diesen Fragen will sich Barclays nicht äußern.