Am Abend der Dior-Show rächt sich Andrea Sachs. Ihre Chefin sitzt am Laufsteg, interessiert sich aber kaum für die neuen Modelle, sondern ruft ihrer Assistentin Befehle durch das Handy zu. Mal will sie ein Pellegrino, dann hat sie Appetit auf ein Truthahnsandwich. Gerade ist ihr eingefallen, dass die Pässe ihrer beiden Kinder abgelaufen sind. Die Kinder aber sollen heute Abend von New York nach Paris fliegen. Die Kinder, verlangt Miranda Priestly, brauchen neue Pässe! Sofort!

Da reicht es Andrea. Sie sieht ihrer Chefin in die Augen, lächelt und sagt: "Fuck you, Miranda. Fuck you!"

Eigentlich ist es nur eine mittelmäßige Szene in dem mittelmäßigen Frauenroman Der Teufel trägt Prada . Aber jeder, der sich ein bisschen in der New Yorker Modeszene auskennt, weiß, dass Andrea Sachs der Autorin Lauren Weisberger sehr ähnlich ist und dass ihre unbarmherzige Chefin in Wirklichkeit nicht Miranda Priestly, sondern Anna Wintour heißt. Der Teufel trägt Prada liest sich wie eine persönliche Abrechnung.

Die Hauptstraße von Santa Barbara liegt wie ausgestorben in der Sonne. Es ist ein Uhr mittags, in dem kalifornischen Badeort sind fast alle Leute am Strand. Lauren Weisberger sitzt als Einzige in einem klimatisierten Café, schaltet ihren Laptop aus und sagt freundlich: "Hi, wie war die Fahrt?"

Die ehemalige Vogue- Assistentin lebt seit bald einem Jahr in Kalifornien. Sie sagt, sie habe sich zum Schreiben ans Meer zurückgezogen. Aber wenn man ihre Geschichte hört, klingt es eher so, als verstecke sie sich hier. Als verstecke sie sich vor Anna Wintour.

Wintour trägt immer die gleiche Frisur und niemals Hosen

Anna Wintour ist Chefredakteurin der amerikanischen Vogue . Die New York Times schreibt, sie sei die mächtigste Frau der Modebranche.

Wenn man Macht daran erkennt, wie unnahbar jemand ist, dann muss Anna Wintour sehr mächtig sein. Sie ist klein und schmal, aber ihr Kopf wirkt groß, denn ihre Haare sind zu einem Pagenschnitt betoniert. Nie fällt auch nur ein einziges Haar ins Gesicht. Sie trägt immer die gleiche Frisur, man sieht sie nie in Hosen oder flachen Schuhen, nur in Kostümen und engen Kleidern. Meistens ist sie ernst, selbst wenn sie lacht, sieht sie verspannt aus, aber vielleicht liegt das daran, dass man ihre Augen nicht sieht. Wintour nimmt ihre große schwarze Sonnenbrille auch in dunklen Räumen nicht ab. Manche sagen, mit der Brille verstecke sie ihre Unsicherheit. Sie selbst antwortete einmal auf die Frage, was sie hinter den Gläsern verstecke: "Ich halte wahrscheinlich gerade ein Nickerchen."