Eine Woche sei in der Politik eine lange Zeit, bemerkte einst der frühere Labourpremier Harold Wilson. Auch er hatte in den frühen siebziger Jahren seine Probleme mit der BBC, die er als zutiefst voreingenommen empfand. Verglichen mit den stürmischen Gepflogenheiten von heute ging es damals in den Medien gemächlich zu. Heute verschieben sich Gewichtungen rasant, wie in der letzten Woche in der britischen Politik zu beobachten war.

Angestachelt durch bedrohende Schlagzeilen erwarteten die Tories vom Labourkongress einige Munition. Doch es kam ganz anders. Tristesse und bittere Resignation prägt ihren Parteitag, der diese Woche über die Bühne geht. Die Zukunft sieht düster aus, selbst Tony Blair dürfte ihnen als Widersacher noch geraume Zeit erhalten bleiben. Dabei sah noch vor acht Tagen alles ganz anders aus. Das Schicksal Blairs würde in Brighton besiegelt, unkten Kommentatoren; hektische Nachfolgespekulationen füllten die Zeitungen; und als der Premier seine halbherzige Entschuldigung für die unauffindbaren Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins ablieferte, wartete man gebannt auf die Explosion, die den Kriegspremier hinwegfegen würde.

Doch es kam ganz anders. Das Parteivolk muckte ein bisschen auf, um dem Regierungschef dann sogar die erwartete Niederlage über den Irak zu ersparen. Stattdessen wurde Blair mit stehendem Applaus gefeiert. Dafür endete die Woche dann mit einem doppelten Knalleffekt: Labour erzielte einen überraschenden Nachwahlsieg, zeitgleich machte die Nachricht von einer "Herzoperation" des Premiers die Runde, der zugleich bekannt gab, noch einmal geschlagene fünf Jahre weiterregieren zu wollen. Immer vorausgesetzt, das britische Wahlvolk würde das so wollen. Auch dies verdichtet sich fast schon zur Gewissheit, trotz Irak und ungeachtet des Vertrauensverlustes für den Regierungschef. Rund 65 Prozent der Briten sind nach diversen Umfragen unzufrieden mit der Regierung, zugleich sprechen sich doch 65 Prozent für Blair als Premier und gegen seinen Herausforderer Michael Howard aus.

Die Konservativen erfüllt dies verständlicherweise mit tiefer Depression. Ihr Parteitag, als Sprungbett auf dem Weg zur Macht gedacht, verspricht eine ziemlich trostlose Angelegenheit zu werden. Parteichef Michael Howard gilt selbst vielen seiner Gefolgsleute als loser , als sicherer Verlierer der nächsten Wahlen, und das nach nicht einmal zwölf Monaten in einem Job, der immer mehr einem Schleudersitz gleicht.

Deprimierendes Indiz für den desolaten Zustand der Tories lieferte die Nachwahl im nordenglischen Hartlepool, das im Unterhaus bislang durch den Blairfreund und frischgebackenen Europakommissar für Handel, Peter Mandelsohn, repräsentiert wurde. Dort landeten die Konservativen mit gerade mal zehn Prozent auf einem demütigenden vierten Platz, noch hinter der Protestpartei UKIP (United Kingdom Independence Party), die das Land so schnell wie möglich aus der EU rausführen möchte, und den Liberaldemokraten, die sich als Antikriegspartei insgeheim schon auf einen weiteren Nachwahltriumph eingestellt hatten. Eine Opposition, die sich ernsthafte Chancen auf einen Sieg bei den kommenden Unterhauswahlen ausrechnet, muss Nachwahlen wie die in Hartlepool eigentlich im Spaziergang gewinnen. Auch den britischen Medien verschlug der unerwartete Sieg der Labourparty  den Atem; sie vermochten das Ergebnis kaum zu registrieren. Auch bei der BBC schien man heftig schlucken zu müssen. 

Einziger, schwacher Trost für parlamentarische wie außerparlamentarische Opposition: Sie hofft nun inbrünstig auf einen verbitterten Gordon Brown und einen schwelenden Nachfolgekrieg bei Labour. Brown, erfolgreicher Schatzkanzler der Regierung Blair, strebt schon lange den schnellstmöglichen Umzug nach 10 Downing Street an. Nun sieht es so aus, als müsse er sich noch viele Jahre gedulden. Gordon Brown, mit 53 Jahren zwei Jahre älter als Tony Blair, könnte bis dahin ernsthafte, jüngere Konkurrenz erwachsen. Zumal Tony Blair mit Alan Milburn einen Politiker zum Chef des Labourwahlkampfes ernannt hat, der nun schon als "Tonys Erbe" gehandelt wird.

Nach außen macht Brown, mächtigster Minister der Labourregierung und bislang unumstrittener Anwärter auf die Nachfolge, gute Miene zum enttäuschenden Spiel. Noch vom fernen Washington, am Rande der IWF Konferenz aus, wünschte er seinem Rivalen rasche Erholung. Der Eingriff, der das Herzflattern Blairs beseitigen sollte, ist offenkundig gut verlaufen. Seine Anhänger in Partei, Regierung und Presse empören sich über den Coup des Premiers, der seinen alten Freund und Rivalen offenbar im Dunkeln gelassen hatte über seine Pläne für die Zukunft. Doch blieb Blair eigentlich kein anderer Weg: Hätte er nichts gesagt, zumal nicht nach dem Kauf einer teuren Immobilie für 3,6 Millionen Pfund in einem exklusiven Londoner Stadtteil, wäre die Spekulation über Brown und Alan Milburn wild ins Kraut geschlossen und der Premier selbst zur lahmen Ente erklärt worden. Auch raubte er den Tories den Slogan für die nächste Wahl. Sie hätten unablässig verkündet, "wer Blair wählt, bekommt Brown", ein Hinweis darauf, dass sie selbst einen angekratzten Strahlemann in 10 Downing Street für den formidableren Gegner halten als den sauertöpfisch wirkenden Schotten Gordon Brown. Zugleich kam Blair mit dem Verzicht auf eine theoretisch mögliche 4. Amtszeit dem Argument zuvor, er wolle wie die einst von gewisser Hybris erfasste Margaret Thatcher "weiter und weiter machen". Blair schuf nicht nur klare Verhältnisse, zugleich vermochte er die politischen Untiefen erst einmal hinter sich zu lassen. Seine Partei hat sich damit abgefunden, wenn auch da und dort nur mit zusammengebissenen Zähnen.