Madame, in der Tat, Sie haben Recht! Sicherheit ist etwas Wunderbares. Wenn man keine Zigaretten mehr hat, holt man sich einfach welche aus einem anderen Auto! Wir hatten uns schon gefragt, warum unser lieber Fahrer mit uns seit einer halben Stunde durch unspektakuläre Wohnstraßen fuhr, bis er bei einem parkenden Pkw anhielt und einer auf dessen Rücksitz liegenden Stange Zigaretten eine Schachtel entnahm. Das Auto gehöre einem Freund, erklärte er, der habe immer Zigaretten im Auto, und niemand in Katar würde seinen Wagen abschließen. Wenn dies die Folge guter Erziehung ist, dann sind wir sehr für ihre Art von Erziehung." Madame lächelte beherrscht. Es war klar, dass sie mich akustisch nicht verstanden hatte. Sie erwiderte, weil gerade Strangers in the Night gespielt wurde, dass dies ihr absolutes Lieblingslied sei.

Zuvor geschah, was folgt.

Ein alter Freund, den es nach Singapur verschlagen hatte, besuchte mich und berichtete in abendfüllenden Worten von seinem neuen Dasein als schweißtriefender Weltmann. Nach einigen Stunden erst echten, später geduldigen Interesses erwuchs in mir das Bedürfnis, auch einmal etwas beizutragen, und so kam es, dass ich sagte: "Du, ich fahre nächste Woche ins Emirat Katar." Der Gast erwiderte: "Na und? Ich fahre übernächste Woche ins Sultanat Brunei!"

Auch andernorts schlug mir nicht gerade Neid entgegen, wenn ich von meinen Reiseplänen sprach. Dass in Katar der Fußballspieler Effenberg gern in bunten kurzen Hosen an Hotelbars säße, wusste mancher, auch dass sich dort "dieser eine Sender" befände, der immer die neuesten Bin-Laden-Videos ausstrahle, aber wo genau das Land gelegen, wusste niemand. Die Apothekerin, der ich auf Anfrage mitteilte, wo ich ihre bei der Vorbeugung von Trotzreaktionen der Därme bewährten Perenterol-Kapseln zum Einsatz bringen wolle, meinte anteilnehmend: "O je, das ist ja bestimmt eher ein beruflicher Trip!"

Katar will berühmt werden. Ein Mensch, der so ein Ziel vor Augen hat, nimmt an Talentwettbewerben teil. Unter Staaten gilt dieser Weg als unschicklich, also lädt man sich zur Bekanntmachung seiner Herrlichkeiten internationale Schreibkräfte ein, setzt sie an erlesene Tafeln, lässt sie auf Kingsize-Betten liegen und erzählt ihnen nebenbei etwas über das hervorragende Erziehungssystem. Laut dem zwecks Vorbereitung zuvor zugesandten schmalen Reisehandbuch Staat Katar bestehen die Herrlichkeiten aus Wüste, überwiegend steiniger, teils auch feinsandiger Art, sowie einer blitzeblanken kleinen Hauptstadt namens Doha, in der es Unmengen von roundabouts gibt, Kreisverkehren, in deren Mitten westlichem Kunstverständnis sehr fern stehende Kaffeekannen-Skulpturen Orientierungspunkte bilden. Auch ein Frauenpostamt wird dem Besucher angekündigt, in welchem Männer, sollten sie es versehentlich betreten, mit einem vielzüngigen Gezischel begrüßt, das heißt vertrieben werden. Einmal im Leben aus einem Postamt herausgezischelt zu werden wollte ich in der Tat nicht versäumen, also nahm ich samt Begleiter, "Mister Schmitt", in der Business Class von Qatar Airways Platz, "the fastest growing airline in the world", wo wir dermaßen viel zu essen bekamen, dass wir keine Kraft mehr hatten, die Flugbegleiterin zu fragen, ob wir eigentlich den Irak überfliegen? Der Positionsanzeiger, also jener sich ruckartig auf der Monitor-Landkarte bewegende Pfeil, den ich während langer Flüge gern mit Fleiß verfolge, war nicht eingeschaltet – etwa um die Passagiere nicht zu ängstigen? Doch das Engagement für diese Frage versank in Pralinen und Portwein.

Unser Hotel, das einige Kilometer außerhalb Dohas gelegene Ritz Carlton, hatten wir schon vom Flugzeugfenster aus als einen schroff aus einem grauen Garnichts aufragenden Turm erkennen können. Rasch war man dort, und sofort setzte ein Begrüßen, Bemuttern und Bewirten seitens eines multikulturellen Konsortiums sympathischer junger Service-Damen ein; Tove aus Schweden, Anna aus Prag, Laura aus Mexiko und Lorna aus Malaysia waren von nun an ohne Unterlass darum bemüht, uns bald Schmalzkringel und Wein, bald den VIP-Gäste-Laptop oder Ingwermüsli zu reichen und uns zwischendurch zu fragen, wie wir uns fühlen. Wir fühlten uns natürlich toll in unserer smarten Club-Etage, wie weihnachtlich geblendete Zwerge hingen wir in monströsen Sofas, mit den Schienbeinen ständig an viel zu niedrige Tische stoßend, auf denen wiederum proportional erheblich zu große Vasenlampen standen. Durch die Buchregale zogen sich lange Reihen prächtig ledergebundener, hundert Jahre alter, eigenartigerweise allerdings ausnahmslos schwedischer Konversationslexika. Nicht lange dauerte es, bis uns auch der Fußballspieler Effenberg in Begleitung einer eng gekleideten Dame erschien. Er selbst trug bunte Kinderhöschen und ließ Rotwein kommen. Mister Schmitt, der, wie er sagt, aus beruflichen Gründen die Bild- Zeitung "verfolgt", kannte den Namen der Dame. Ich habe ihn wieder vergessen. Es war kein schöner Name.

Schön dagegen, jedenfalls nach arabischem Gusto, die Lobby des Hotels. Mit den Einrichtungsvorlieben dieser Weltregion ist man inzwischen auch in Deutschland gut vertraut; allein in Berlin gibt es zwei Hotels, die sich vollkommen dem Geschmack des Nahen Ostens unterworfen haben, das Adlon und das Ritz Carlton am Potsdamer Platz. Wer diese Hotels nicht kennt, dem sei gesagt, dass der Geschmack reicher Araber ungefähr jenem von betagten italienischen Blondinen in Pelzmänteln entspricht. Ausladende barocke Reminiszenzen, die mit Lippenkonturstiften auf patschulibefeuchteter Goldfolie entworfen zu werden scheinen. In der Empfangshalle des katarischen Ritz Carlton hat man entweder sieben, siebzehn oder siebzig verschiedene Marmorsorten verarbeitet – ich habe es nicht genau verstanden, da die Halle während unseres Rundganges vom Stimmengewirr Hunderter saudischer Geschäftsleute erfüllt war. Aus dem gleichen Grunde weiß ich auch nicht, ob der Kronleuchter der größte der Welt, des Nahen Ostens oder von Katar ist. Wer hat schon den Mut, an seinem ersten Abend in der arabischen Welt fünfhundert Patriarchen in schneeweißen Dishdashas um Ruhe zu bitten? "Können Sie nicht mal fünf Minuten still sein? Wir machen hier gerade einen total wichtigen kommentierten Rundgang!" Ich nicht! Verstanden habe ich immerhin, dass es drei Tage gedauert hat, bis der Leuchter montiert war, was mich allerdings kein bisschen beeindruckte. Drei Jahre – das wäre eine schon eher bestaunbare Arbeitsdauer gewesen! Anschließend bekamen wir dann eine von sage und schreibe sieben Präsidentensuiten gezeigt – sie sah aus wie ein Möbellager, das auf ein in einen farbenblinden Zweig der Gothic-Szene verlegtes Remake von Ein Käfig voller Narren wartet. Ich stellte mir vor, wie sich zum Beispiel Tony und Cherie Blair belustigte Blicke zuwerfen, bevor sie in den feisten Riesenbetten versinken, um sich der Lektüre antiquarischer schwedischer Nachschlagewerke zu widmen, die auch hier meterweise zur Verfügung stehen. Man hat wohl irgendwann einmal ein Frachtschiff voll davon ersteigert.

Am nächsten Morgen kam ein mit Airbrush-Motiven verziertes SUV vom QIT, also ein Sport Utility Vehicle von der katarischen Tourismusbehörde, um mit uns laut Curriculum exakt von 9 bis 18 Uhr im Norden des Landes herumzurasen. Der Fahrer, ein so sanfter wie hagerer Mann aus Palästina, war akustisch ausgezeichnet zu verstehen. Seine Stimme übertönte den Motor des Geländewagens ohne Anschwellen der Halsmuskulatur. Leider sprach er nur wenig Englisch. Gern hätten wir ihn etwas ausgefragt, wie es denn sei als armer Gastarbeiter im reichsten Land der Welt, ob die Kataris nicht allesamt gebieterische Gockel seien mit ihren Gucci-Sonnenbrillen und 10000 Dollar teuren Manschettenknöpfen, aber vielleicht war es besser, dass der Ausflug überwiegend in Schweigsamkeit verlief, denn bei der in Katar üblichen Fahrweise verbietet sich jede Zerstreuung des Wagenlenkers. Bislang dachte ich, die wildesten Autofahrer der Welt seien in Argentinien anzutreffen. Aber wer jemals eine katarische Frau in der schärfsten Verhüllungsvariante – Sehschlitz, darüber ein halbtransparenter Schleier – mit Tempo 110 ohne jegliches Abbremsen mitten in der Innenstadt – und selbstverständlich telefonierend – in einen Kreisverkehr hat hineinbrettern sehen, dem ist mindestens einmal so heftig die Pumpe gestockt, dass er die Argentinier von nun an in einem etwas milderen Licht sieht. Es soll massenhaft tödliche Unfälle geben; angesichts der geringen Bevölkerungszahl – 200000 Kataris und 600000 als "Expats" bezeichnete Ausländer – würde ich mir als Emir mal ein paar schön strenge Verkehrspolizisten anlachen, zumal es gar keinen Grund für das Gehetze gibt: Das Land ist klein, halb so groß wie Hessen, weshalb man überall schnell anlangt. Immerhin, man plant, die Kreisverkehre abzuschaffen und hie und da eine Ampelanlage zu installieren.

Die Fahrt von Doha nach Al Khor, der zweitgrößten Stadt des Landes, dauerte eine Viertelstunde. Abgesehen von drei indischen Fischern, gab es dort zwar keinerlei Menschen zu sehen, dafür aber hatte das Seefahrertrio soeben zwei Fische gefangen, die zu betrachten, sogar zu fotografieren uns ausdrücklich gestattet wurde. Unser Fahrer fand es höchst ungewöhnlich, dass die Fische bereits gefroren waren. Einer der beiden war hakenartig verbogen, vermutlich war er in der Eiskiste in eine Ecke gedrückt worden. Dass wir ebenfalls noch nie etwas so Ulkiges wie einen abgeknickten Gefrierfisch gesehen hätten, mussten wir dem prustenden Chauffeur auf Anfrage mehrfach bestätigen. Im Anschluss an die eben hoffentlich ausführlich genug ausgemalte Episode namens "Drei Fischer und zwei Fische" ging es für einige Stunden durch die Wüste.

Wüsten, so hört man in unseren Breiten oft sagen, hafte etwas Faszinierendes an. Öde seien sie keinesfalls, sondern voll geheimen Lebens, und wer dies nicht sehe, der wisse nichts, der reiße seine Augen nicht weit genug auf. Am atemberaubendsten sei die Wüste des Nachts, dann würden überall weiße Hasen und Füchse umhertanzen, oder nach Regenfällen: Binnen Sekunden brächen die wunderbarsten Blumen und Sträucher aus dem krustigen Gestein hervor.

Wir hatten Gelegenheit, dies nachzuprüfen. Dreimal hat es während unserer Exkursion für mehrere Minuten geregnet; jubelnd filmten wir die Tropfen auf der Windschutzscheibe, aber draußen stieß nichts aus dem Erdreich hervor, nicht einmal ein kümmerlicher Alfalfakeimling. Wir machten uns extra die Mühe, auszusteigen und mit unseren von einem Picknick in einem seit hundert Jahren verlassenen Dorf übrig gebliebenen weißen Plastikgabeln im Boden zu stochern, aber da entwickelte sich wirklich rein gar nichts. Ich nehme an, die gerade in gebildeten europäischen Kreisen verbreitete Wüstenverehrung hat die gleichen Ursachen wie die Vorliebe für demonstrativ Schlichtes in Mode und Architektur. Wo die unverputzte graue Wand als ehrlich gilt, der Schmuck als Widersacher der Funktion, Pathos grundsätzlich als hohl, wo Details für neckisches Blendwerk stehen und die Floskel vom "genial Einfachen" lebensmottohaft beherzigt wird, da liebt man auch die Wüste. Das Einfache aber ist, meine Damen und Herren, nur dann genial, wenn es als Folge komplizierter Gedanken auftritt, und in der Kunst gibt es vieles, wenn nicht sogar sehr vieles, was man als "genial kompliziert" bezeichnen müsste, obwohl man diese Wendung niemals hört. Ohnehin sollte man sich davor hüten, seine kulturellen und landschaftlichen Vorlieben einfach auf den anderen Bereich zu übertragen. Als Liebhaber üppiger Wälder schätze ich die Einrichtung arabischer Luxushotels keineswegs, und ebenso wenig sollten sich die Freunde der klaren Linie und der kahlen Mauer gezwungen sehen, in der Wüste die beste aller Welten zu erkennen. Die Wüste ist, das sag ich leise donnernd, ein Ort, wo es an allem fehlt, was gut und herrlich ist.

Der folgende Tag stand im Zeichen der Tierwelt. Erst fuhr man zu schönen gesunden Pferden, dann zu schönen, ebenfalls gesunden Kamelen, später noch zu schönen, allerdings bedauerlicherweise kranken Raubvögeln. Der Besuch einer Falkenklinik stand auf dem Programm. Die Falken hockten, einer neben dem andern, wie Figuren eines Schachbretts, auf dem Boden eines großen Raums und schauten, wie uns schien, nicht gerade lebenslustig vor sich hin. Einige hatten Abszesse unter der Zunge, die meisten jedoch litten an der bumble foot disease, einer knollenartigen Verdickung des Fußes, welche infolge der unnatürlich häufigen Landevorgänge nur bei Jagdfalken auftritt.

Wir wurden eingeladen, dem Chirurgen über die Schulter zu schauen. Allerdings war der Falke, dessen Operation wir nun beiwohnten, überhaupt nicht krank. Er war lediglich ein besonders kostbares Tier, das zum Verkauf anstand, und der neue mögliche Besitzer wollte sich vergewissern, dass es organisch einwandfrei war, zu welchem Zweck der Vogel geöffnet wurde. Man forderte uns auf, ganz dicht ranzugehen, und wie ich nun dastand und ohne Mundschutz in die Innenwelt des Vogels schaute, kam mir ein Gedanke, der mich schon einmal befallen hatte, und zwar als mir jemand im Marbacher Literaturarchiv ohne trennende Glasplatte eine Kafka-Handschrift vorlegte, nämlich: "Ich könnte da jetzt draufspucken!" Nicht dass ich derlei jemals ernsthaft in Erwägung zöge, um Himmels willen, ich spucke nicht mal nachts auf menschenleere Bürgersteige, bin Eigenspeichelrunterschlucker durch und durch, neige nie zu neurotischen Attentaten, aber der Gedanke!, dass ich für einen winzigen Augenblick die Herrschaft über mein Handeln verloren haben könnte und dem Falken in den aufgeschnittenen Hunderttausenddollarwanst gespien hätte! Hätte ich je wieder sattgrüne Wälder gesehen?

Auf jeden Fall wäre das Abendessen mit Frau Abdulagic abgesagt worden, einer Dame mit dramatischem Augen-Make-up und einem strengen Sinn fürs Effiziente, die, soweit ich es verstanden habe, lange Jahre in Bolivien als Gesandte ihrer Heimat Jugoslawien diente und sich jetzt in leitender Funktion mit der Verbesserung des Rufes von Katar als Reiseziel befasst. Da wir uns ihren Namen auf die Schnelle nicht hatten einprägen können, sprachen wir sie mit "Madame" an, was sie als Diplomatin nicht störte, zumal solche Anrede in englischsprachigem Kontext durchaus auf zarte Weise weltgewandt wirkt. Um das Ingangkommen der Konversation nicht allein auf den Schultern der Gastgeberin lasten zu lassen, fragte ich sie, wieso die vielen indischen Bauarbeiter in Katar denn alle lila Overalls trügen, andernorts würden körperlich arbeitende Männer nur ungern Lila tragen. Oder herrschte auf Baustellen in Indien selbst etwa auch Lila vor? Das wusste Madame aber nicht, und es wurde uns mit wirkungssicheren Damenblicken klar gemacht, dass diese Art von leichter Causerie für diesen Tisch nicht vorgesehen war. Um indes nicht allzu schroff zu wirken, erfreute uns Frau Abdulagiƒ rasch mit der wohl oft schon vorgebrachten spaßigen Bemerkung, dass es leider nicht möglich sei, den Namen des Landes zu ändern, obwohl dieser in vielen Sprachen der Welt an einen Schnupfen erinnere. In erster Linie aber wollte uns Madame über Wirtschaft, Infrastruktur und vor allem das hervorragende Erziehungswesen von Katar unterrichten, und scheute dabei auch vor statistischen Angaben nicht zurück. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, war es Jacqueline Kennedy, die einmal zu Nikita Chruschtschow sagte: "Herr Präsident, Sie wollen mich doch nicht etwa mit Ihren Zahlen langweilen!" Dieser Abend im Restaurant La mer im dreiundzwanzigsten Stockwerk des Ritz-Carlton-Hotels war jedoch nicht der geeignete Moment, mich als Nachfahre Jackie Kennedys zu gebärden, und so versuchte ich zu lauschen und sagte gelegentlich: "Oh, really?" , – "So many?" oder "That’s a pretty good amount!"

Ein Leichtes war das Lauschen indes nicht, denn kaum fünf Meter hinter mir betätigte sich ein Pianist mit hartem Anschlag und beschränktem Repertoire. Alle fünfzehn Minuten wurde das Stück Feelings gespielt, und zwar mit der Zartheit eines Teppichklopfers. Mister Schmitt sagte, es sei eine junge blonde Dame in bodenlanger Robe, die da in die Drahtkommode dresche, aber ich war zu faul, mich umzudrehen, schließlich kann man sich’s ja auch denken. Auf der ganzen Welt werden langhaarige junge Frauen in Abendkleidern zur Romantisierung miserabler Musik missbraucht, und im deutschen Fernsehen gibt es kaum noch eine Unterhaltungssendung, in der darauf verzichtet wird, Playback-Vorführungen mit meist vier bis sechs Geigerinnen zu dekorieren, selbst in Fällen, bei denen überhaupt keine Streicher zu hören sind. Am unappetitlichsten wird es, wenn die geigenhaltenden Statistinnen in einem "Meer von Kerzen" sitzen, weil Frauen eben wunderbare "Wesen" sind oder gar "Engel" aus einem Himmelreich der süßen Illusionen – nicht alle allerdings, muss man hinzufügen: Nachdem ich eine Weile, auch um mich auf das von einem Küchenchef aus München zubereitete gute Menü zu konzentrieren, zu den zahl- und zahlenreichen Worten unserer Tischherrin immer nur genickt oder "Oh yes?" gesagt hatte, forderte sie mich auf, darzulegen, was ich nun meinerseits zu den Entwicklungsmöglichkeiten Katars beizutragen hätte. Ich antwortete, man solle sich bei solchen Bemühungen vielleicht am ehesten die "Länderabklapperer" und Visumstempel-Sammler vorknöpfen, Leute also, die einfach in jedem Land der Welt einmal gewesen sein müssten, auch in den abwegigsten und ödesten. Dass ich das aber nicht böse meinte, fügte ich sofort diplomatisch gewitzt hinzu. Madame war trotzdem unbegeistert und erwiderte knapp, Rucksacktouristen wolle man nicht, viel eher sei man, schon um sich vom vergnügungsorientierten Dubai zu unterscheiden, an Familien interessiert. Ich sagte weiterhin, so interessant ich ihre Ausführungen über das beneidenswerte Bildungssystem auch gefunden hätte, touristische Schubkraft sähe ich darin nicht, im Urlaub wolle doch kein Mensch in Schulen gehen, und seien sie noch so erstklassig. O doch, widersprach Madame, Bildung sei Grundlage für Wohlstand und Sicherheit; Katar sei eben nicht nur das reichste und vielleicht heißeste Land der Welt, sondern auch das sicherste!

Das konnte ich anhand der Zigaretten-Auto-Sache anekdotisch bestätigen. Aber wie bloß will man Familienurlauber ins Land locken? Gewiss, es gibt einen "Corniche" genannten Uferweg in Doha, auf dessen stolzen sieben Kilometern Länge sich jedoch nicht eine einzige Erfrischungsbude findet. Kinder wünschen aber bunte Brausen und fettiges Eis in Aussicht gestellt zu bekommen, wenn man ihnen bei bereits Anfang Mai herrschenden Tagestemperaturen von 40 Grad im Schatten das Abschreiten dermaßen langer Promenaden schmackhaft machen möchte. Von rasanten Autofahrten hingegen wird Kindern übel, daher ist jene beliebteste Freizeitbeschäftigung junger Wüstensöhne, die dune bashing genannte motorisierte Vergewaltigung von Sandhügeln nämlich, ebenfalls kein ideales Angebot. Ich nehme an, dass Madame gute Argumente gegen Bedenken dieser Art vorgebracht hat – leider waren sie akustisch partout nicht zu verstehen.

Von Max Goldt ist zuletzt erschienen: "Für Nächte am offenen Fenster. Die prachtvollsten Texte von 1988–2002" (Rowohlt Verlag, Hamburg 2003; 512 S, 19.90 €). Termine der Goldt-Lesungen stehen im Internet unter www.tomprodukt.de

Information

Anreise: Von Frankfurt am Main fliegt Qatar Airways ( www.qatarairways.com ) sechsmal die Woche nach Doha, von München fünfmal die Woche ab 400 Euro plus Steuern und Gebühren

Visum: Das Visum wird bei der Einreise für 50 Katar-Rial (zirka 12 Euro) erteilt und ist 14 Tage gültig. Mehr Informationen zur Einreise erteilt die Botschaft des Staates Katar, Brunnenallee 6, 53177 Bonn, Tel. 0228/957520

Reisezeit : Am angenehmsten sind die Temperaturen von November bis März

Unterkunft : The Ritz-Carlton, P. O. Box 23400, Doha, Katar, Tel. 00974-4/848000, www.ritzcarlton.com . Reservierung auch unter Tel. 0800/1812334. Für eine Übernachtung sind von 190 bis 4018 Euro (Präsidentensuite) zu zahlen. Im Sheraton Doha Hotel and Resort, Al Corniche Street, Doha, Katar, Tel. 00974-4/854444, www.starwood.com , kostet eine Nacht zirka 246 Euro. Unterkünfte in Doha vermittelt beispielsweise auch Dertour ( www.dertour.de ).

Auskunft : www.experienceqatar.com