Dies Buch ist ein Solitär im vollen Sinn des Wortes. Es funkelt. Es ist geschliffen, es ist rein. Und es steht allein: Kein Werk umgibt es, und es ist berühmter als sein Autor selbst. Julián Ayesta, 1919 bis 1996, der sich 1937 der faschistischen Falange anschloss, später jedoch als Diplomat und Publizist in vor-sichtiger Opposition zu Franco stand, veröffentlichte Theaterstücke, Kritiken, Gedichte und ein paar Erzählungen. Helena oder das Meer des Sommers ist sein einziger Roman – und auch diese Gattungsbezeichnung ist zweifelhaft. Das 50. Jubiläum seines Erscheinens im Jahr 1952 wurde in Spanien als Ereignis registriert; die Zeitung El País kürte das kleine Opus zu einem der zehn wichtigsten spanischen Prosawerke des 20. Jahrhunderts.

Dass es noch zwei weitere Jahre brauchte, es ins Deutsche zu übertragen, hat System: Auch von Vicente Aleixandre, dem epochalen spanischen Lyriker und Nobelpreisträger, existiert nur ein einziger Gedichtzyklus auf Deutsch. Aleixandre war es, der sich für die Veröffentlichung des Textes eingesetzt hatte; Verse aus seinem Gedichtband Schatten des Paradieses wählte Ayesta zum Motto: "Doch fern sind die entrückten Tage / Da nicht zu scheiden war die Liebe / von der Kraft strahlenden Natur…"

Kindheit also, Kindheit als verlorener Naturzustand: Aus diesem archetypischen Stoff ist die Geschichte gemacht, deren Entstehung zehn Jahre gedauert hatte, obwohl – oder weil – das Ergebnis wirkt, als sei es einem einzigen Schöp-fungstag entsprungen. Ein fröhliches Elternhaus, Verwandtenbesuche, Sonne, Meer, erste Liebe: Die Idylle der nordspanischen Küste bei Gijón, Ayestas Geburtsort, ist Schauplatz zweier Sommer, in denen fast nichts und doch alles geschieht, was die primitive Schönheit einer glücklichen Kindheit ausmacht, ein Mittagessen im Garten, eine nächtliche Kissenschlacht, Schmetterlingsjagen im Wald, ein Nachmittag am Strand. Dazwischen dunkelt der Winter, dessen einzige Sequenz unter dem subversiven Titel Die Freude Gottes von den Gedankenqualen handelt, denen ein erzkatholischer Junge ausgesetzt ist: "Außerdem, selbst wenn es den Teufel nicht gegeben hätte und keine Erbsünde und wir alle sehr glücklich im irdischen Paradies gewesen wären, erklärte es sich immer noch nicht, warum Gott Adam und das Paradies und das Meer und die Sterne und alles erschaffen hatte".

Die pubertären Zweifel des Jesuitenschülers steigern sich zu drastischen Gewaltfantasien gegen die Feinde der heiligen Jungfrau – erotische Retterträume, die sich mit dem Bild der Cousine vermischen: Helena ist die heidnische Madonna dieses pantheistischen Altarbildes für den Gott der Liebe und der Natur – ein Triptychon, dessen lichte Sommerflügel die kindlichen Reflexionen des winterlichen Mittelteils mit einem lyrischen Gesang von einfacher, schneidend klarer Sinnlichkeit umrahmen. Die antiken Wurzeln dieses Stils werden ironisch zitiert, wenn dem namenlosen Ich-Erzähler sein Schul-Vergil im Kopf summt, doch die Kühnheit der Szenen und Bilder erinnert ebenso an die surrealistische Tradition der Vorkriegszeit: Da schlafen die Mädchen "sanft wie Kätzchen aus blaßblauem Samt", und der Morgen riecht "nach Maierdbeeren und blauer Sonne".

Liebe und Schmerz bilden eine rauschhafte Einheit

Man taucht in diesen Sommer mit allen Sinnen. Vom ersten Satz an sprudeln die Eindrücke in synästhetischen Kaskaden, die sich wie ein Zauberspruch von "und" zu "und" fortpflanzen: "Das Kirschdessert glänzte sehr rot zwischen den schwarzgelben Wespen… Blau glänzten die Kelche…, und das Besteck für den Nachtisch funkelte. Und die Lichttupfen… liefen über das Tischtuch, das voll violetter Weinflecken und Brotkrümel war. Und am Nachmittag gab es Stier-kampf, und die Männer hatten glänzende Gesichter… Und es glänzte auch der Kaffee, tiefschwarz, und Zigarrenasche umgab die Tassen… und es erklangen Dudelsäcke und Raketen und Geigen… Und alles roch nach Weihrauch und Blumen… und plötzlich roch alles nach Benzin… Und die Geistlichen rochen sehr zart…" – bis einer dieser Geistlichen vom Stuhl in einen Nagel stürzt und die Farben, der Glanz des Anfangs drastisch ins Grausame kippen: "…der ganze Hals war voll glänzendem Blut, das war sehr rot und rann ihm über den Rücken, ein tiefrotes Rinnsal auf der schwarzen Soutane."

Wie in Vicente Aleixandres Gedichtzyklus Die Zerstörung oder die Liebe bilden Leben und Schmerz in Julián Ayestas Prosagedicht eine rauschhafte Einheit, und das mitten im jugendlichen Alltag, zwischen Tantengeschimpfe und Fußballbegeisterung. Als der Erzähler am Ende die ein wenig zickige Begehrte erobert hat und die beiden vom Schwimmen zurückkehren, ist er "tot vor Liebe, verrückt vor Liebe". Der Mund ist voll Salz, die Welt voll "wütender Freude", und die allgegenwärtigen Farben sind "scharf wie Messer und zugleich weich, wie die Blätter einer Mohnblume".

In solch schlichter Symbolik, aufgelöst in die magische Sprache der fünf Sinne, findet das Pathos der Identität von Liebe und Tod seinen unpathetischen Ausdruck. Man möchte wünschen, dass bald auch Ayestas in verschiedenen Zeitschriften verstreut gedruckte Erzählungen, die der Literaturwissenschaftler Antonio Pau 2001 in einem Band versammelte, auf Deutsch erscheinen werden. Am besten wieder in der wunderbaren Übersetzung von Dagmar Ploetz – und in einem weniger abschreckenden Gewand als diesmal, wo das Umschlagsfoto einer erwachsenen Frau in gallig gelbgrüner Brandung eher an die "wilde Frische von Fa" erinnert als an ein farbensprühendes Kindheitsparadies.