Die Stimme des Chilenen Roberto Bolaño ist schmerzlich früh verstummt. Mit seinen Romanen und Erzählungen hat der Schriftsteller, der 2003 fünfzigjährig in Barcelona starb, Furore gemacht; man denke nur an seinen brillanten Roman Die Naziliteratur in Amerika (deutsch 1999), mit dem Bolaño ungemein erfindungsreich ein ganz neues, neuartiges Genre kreierte: das fiktive Literaturlexikon. Dreißig erfundene Biografien von lateinamerikanischen schreibenden Herrenmenschen, die mit Todesverachtung als Flugzeugpiloten ihre patriotischen Losungen an den Abendhimmel von Santiago de Chile malen und andere Heldentaten vollbringen – ein Zeitzeugnis mit grotesken Zügen.

Die Helden des Erzählbandes Telefongespräche verachten den Tod nicht, aber sie sind ihm ständig nahe, ohne es zu ahnen. Bolaño beherrscht viele Genres, von der Literatursatire über die Mafia-Story bis zum Beziehungsdrama – ob er jedoch von mediokren Literaten erzählt, von Frauen am Rande oder jenseits des Nervenzusammenbruchs oder von schmierigen kleinen Unterweltlern in Moskau oder Lateinamerika: Immer handeln die Geschichten von der Einsamkeit, vom Abschied, vom Tod. Vom Leben, das in Turbulenzen gerät und im Desaster endet.

Der Autor ist diesen Menschen nahe gerückt. Die Figuren in den Geschichten sind verloren und sie verlieren einander, und Bolaño sieht ihnen bei ihrem Lebenskampf zu, nicht mit souveräner Distanz und homerischem Lachen wie in der Naziliteratur in Amerika, sondern mit der Empathie eines Beteiligten, eines Mithandelnden. Denn bei aller Tristesse handeln Bolaños Geschichten auch von etwas Wunderbarem: von der Freundschaft. Der Ich-Erzähler, der in vielen Texten auftritt (und sich des Öfteren Arturo Belano nennt), ist für die Freundschaft begabt; er nimmt Anteil am Schicksal des jeweiligen Protagonisten, den er zufällig kennen lernt und plötzlich wieder verliert. Helfend eingreifen kann er nicht, nicht einmal das fremde Schicksal erklären, zu einem sinnvollen Muster bündeln. Aber es lässt ihn nicht kalt.

Zwei Topoi ziehen sich wie rote Fäden durch sämtliche Texte: der endgültige Abschied von einem Menschen, den man lieb gewonnen hat, und die Unbegreiflichkeit menschlicher Verhängnisse. "Wir verabschiedeten uns schon am Bahnhofseingang, und wir sahen uns nie wieder" – dieser Satz, aus der Erzählung Clara, taucht in Variationen in fast allen Erzählungen des Bandes Telefongespräche auf. Ebenso wie der folgende: "Sie erzählte mir die Geschichte. Sie war einfach, sie war unbegreiflich."

Als unbegreiflich erscheint das menschliche Schicksal, weil es zerrissen ist, keine Kontinuität kennt, nur den immer gleichen Sog dem Tod entgegen: ob ein Mensch einem anderen aus Eifersucht urplötzlich die Kehle durchschneidet (Der Schnee) oder ob er ihn bloß verlässt, weil die Liebe eines Tages erloschen ist. "Die Dinge hatten sich eben so entwickelt, irgendwann erlischt die Liebe, und wer weiß, ob es Liebe war, was sie verbunden hatte…" So kühl, fast unbeteiligt, resümiert die Titelheldin Anne Moore eine der zahllosen Trennungen ihres Lebens.

Der Kampf um Liebe, Sex, Geld, oder was auch immer sie für die Basis ihrer Existenz ansehen, hält die Figuren auf Trab. Glück ist flüchtig; wenn es einmal aufscheint, am ehesten im Rausch, schwindet es postwendend, als walte hier ein Naturgesetz, das Bolaño fast schon mit einer gewissen Penetranz umschreibt, oder, in seinen eigenen Worten: mit einer Energie, "die große Ähnlichkeit mit dem Humor hatte" – einem pechschwarzen, wie sich versteht.

Der Autor liebt Anspielungen auf die Abgründe des Literaturbetriebs

Damit hat es seine eigene, unergründliche Bewandtnis. In der Erzählung Ein literarisches Abenteuer rühmt der Schriftsteller A in Rezensionen die Bücher des Kollegen B, obwohl B sich in ihnen – aus Unsicherheit – über A lustig macht. Die unerklärlichen Komplimente verunsichern B noch mehr, da er nicht dahinter kommt, was A motiviert: Handelt es sich um eine besonders subtile Form der Rache?