Dieser und jener von uns Älteren erinnert sich vielleicht noch an den wunderbaren Schriftsteller Hans Jürgen Fröhlich, an Romane wie Tandelkeller (1967), Engels Kopf (1971) oder Im Garten der Gefühle (1975), an seine Schubert-Biografie oder die Hörspiele. Fröhlich ist nur 54 Jahre alt geworden und Mitte der achtziger Jahre in München gestorben.

Jeder, der einmal länger mit ihm zusammen war, hat diesen schmalen, fabuliersüchtigen und ungemein menschenfreundlichen Mann genau vor Augen, man glaubt, seine feine, musikalische Stimme zu hören, man sieht sein oft satirisches und übermütiges Lächeln, vor allem aber glaubt man, Tschechow zu sehen, seine scharfen Augen, seinen Bart, den hellen Sommerhut. Fröhlich schien ein Schriftsteller zu sein, der sich in Tschechow verwandelt hatte, um einem gewissen, auf unscheinbare und fast komische Art leidenden Schriftstellertypus nahe zu sein. Zu Fröhlichs Lebzeiten hielt man diese gespielte Verwandlung für Hypochondrie, dann aber starb er sehr plötzlich an Herzversagen, und seine Freunde wussten, wie ernst sein Spiel letztlich gewesen war.

Jetzt erscheint seine Gestalt wieder. Im Roman seiner Tochter Anna Katharina Fröhlich taucht sie, ohne mit Namen genannt zu werden, als Vater-Gestalt auf; es ist die in die Ferne gerückte Gestalt des früh gestorbenen Vaters, die im Hintergrund dieses mit großer Leidenschaft erzählten Romans ihre kurzen, aber bedeutsamen Auftritte hat.

Im Alter von fünf Jahren nämlich musste sich "das Mädchen", wie die weibliche, längst erwachsene Hauptfigur oft genannt wird, wegen der Scheidung der Eltern von ihrem Vater trennen, seit seinem Tod aber lebt sie wieder mit der Mutter und einem Stiefvater auf dem verwunschen erscheinenden Gartengelände mit Blick auf den Gardasee, wo sie in ihren ersten Jahren noch mit ihren Eltern zusammen war.

Die Verwandlung dieses weiten Geländes in den letzten Jahrzehnten, das Kommen und Gehen der Menschen, die Nähe zu den Nachbarn, den Tieren und Pflanzen ringsum, ist das eigentliche Zentrum des Romans; jedes Mal, wenn davon erzählt wird, gerät er beinahe ins Glühen: "Palmen, Zypressen, Pinien und Zedern nahmen während der kalten Jahreszeit ein dunkleres, in Schwarz hinübergleitendes Grün an und prägten sich dem Auge als Embleme des Mediterranen ein. Ihr deutlich umrissenes, in die klare Luft fast eingestochenes Geäst wirkte vielleicht aus dem Grund beinahe schwarz, weil Schnee auf dem Monte Baldo lag."

Ist Wilde Orangen aber überhaupt ein "Debüt"? Ach was, nie und nimmer, denn dieser Roman will gar nicht so "von heute" sein, wie es viele unserer neueren Debüts unbedingt sein wollen. Er kommt vielmehr von einem großen Gestern her, auch der Verlag hat das gespürt und sich deshalb zu einem Umschlag verleiten lassen, wie es ihn hässlicher und missverständlicher kaum geben könnte: ein Füssli-Gemälde im Goldrahmen. Bloß weg damit, kann man nur stöhnen, und weiter, wieder hinein in den Roman.

Der Vater, das Gartengelände, die bestechend spitz formulierende Mutter, von der es einmal heißt, dass sie in ihrer Jugend wohl gern so etwas wie eine konservative Revolutionärin gewesen wäre, "schön, anführend, reich und gesetzlos" – das ist der alte, statische Raum des Romans, dessen literarischer Ahnherr Flaubert ist. Flauberts Briefe liest "das Mädchen" der Mutter vor, und seine Sätze zitiert es in die Fesselballon-Atmosphären ihrer gemeinsamen Gespräche hinein: "Man muß lachen und weinen, lieben, arbeiten, genießen und leiden, das heißt, in seiner ganzen Ausdehnung so weit wie möglich in Schwingung sein."

Damit diese weite Schwingung sich herstellt, muss der Roman den still atmenden heimatlichen Gartenraum verlassen, eine Flaubertsche "Éducation sentimentale" muss beginnen, und damit sie beginnt, braucht der Roman die Gestalt des viel älteren und daher verheirateten Schriftstellers, der dem Mädchen in Florenz begegnet. Sofort, vom ersten Moment an, erkennen sich beide als der Lehrer und die Schülerin, als der ältere, welterfahrene Mann und die junge, attraktive und lebenshungrige Frau, die nach den Regeln alter und geheimnisreicher Kunst zusammengehören und diese Zusammengehörigkeit nun zelebrieren müssen.