Der Jazz und das Paradies sind für Fritz Rudolf Fries seit je dasselbe. Ein Thema von Dizzy Gillespie wurde bereits im Titel seines Romans Der Weg nach Oobliadooh aus dem Jahr 1966 variiert – eines der furiosesten Bücher, das auf dem Territorium der DDR entstand und deshalb nur im Westen veröffentlicht werden konnte. Jazz-Paraphrasen ziehen sich durch das gesamte Werk von Fries, und es ist nicht verwunderlich, worauf wir stoßen, wenn wir auf Seite 306 seines neuen Romans endlich das Paradies erreichen: Die Tür geht auf, und es ertönen Bläser, Bass und Schlagzeug, "unterbrochen oder gesteigert durch das Klirren eines zerbrochenen Glases".

Da tut man auch gut daran, sich von der biblisch anmutenden Wucht des Buchtitels nicht allzusehr verwirren zu lassen. Der Jazz, wie ihn Fries versteht, treibt verschiedenste Stimmen voran, in einem sich ständig verändernden Sog. Da gibt es keine einheitliche Melodieführung, das Gegenteil schwingt immer gleich mit. So agiert auch dieser Roman. Ein wahrer Hexentanz der Allegorien ist das, ein rauschhaftes Treiben, das sich alle erdenklichen Epochen und Stile einverleibt.

Im Mittelpunkt steht das Ende der DDR. Fritz Rudolf Fries war, solange es die DDR gab, kaum als DDR-Schriftsteller zu erkennen gewesen, er spielte mit der bürgerlichen Moderne, und mit dem Aufbau einer besseren Gesellschaft hatten seine Texte allenfalls ironisch etwas zu schaffen. Nach der Wende wurde allerdings ruchbar, dass auch er eine Stasi-Geschichte hatte. Sie ist am ehesten mit derjenigen Heiner Müllers zu vergleichen, doch im Gegensatz zu diesem war Fries kein Meister im Umgang mit den Medien, kein Jongleur mit Abgrund und Schwärze. Fries reagierte uneinsichtig und trotzig und befand sich mit einem Schlag im Abseits. Ist der Roman die Rettung?

Daniel Abesser, die Hauptfigur, wurde 1963 als Sohn eines hohen Parteifunktionärs geboren, und das widert ihn an. Er beteiligt sich an der Erstürmung der Stasi-Zentrale im Herbst 1989. Dabei fallen ihm Papiere in die Hände, die er dazu nutzt, seine Identität zu ändern. Russische Juden hatten beim Umsteigen im Berliner Ostbahnhof ein Findelkind ausgesetzt, und er gibt an, von dem Pankower Parteibonzen nur adoptiert worden zu sein. Es gab Gründe, sagt er, "die mich zur Flucht aus einem Kulturkreis bestimmten, der auf Lüge, Verrat und Betrug aufgebaut war. Der unfähig zu Leid und Trauer war und also unfähig, die eigenen, nie zu vergebenden Taten zu bereuen."

Das ist eine Abrechnung mit der DDR, die aufhorchen lässt. Zumal Daniel Abesser eine positiv besetzte Identifikationsfigur bleibt, allen erzählerischen Fallstricken und Wendungen zum Trotz. Fritz Rudolf Fries hat, in romantischer Tradition, seine Romanhelden nie einlinig gezeichnet. Er liebt es, sie aufzuspalten und mit Doppelgängermotiven auszustatten. Abesser wird deswegen durch Dr. Alexander Retard ergänzt, eine autobiografisch angelegte Fiktion, die Fries in früheren Werken dazu diente, das Verhältnis von Geist und Macht selbstironisch zu beleuchten. Doch diesmal ist sie unverkennbar in Distanz gerückt. Retard trauert zusammen mit Abessers Vater der DDR hinterher, mit einer reichlich grotesken Pointe: Sie bekennen sich jetzt zu den Zeugen Jehovas. Sie kommen ohne eine Heilserwartung nicht aus.

Die Engel vom Geheimdienst bringen das Flugzeug zum Absturz

Daniel Abesser indes ist nach Israel ausgewandert und sitzt mit seiner Frau Ribka im Flugzeug, als die Erzählung ins Metaphysische kippt: Drei Abgesandte des israelischen Geheimdienstes verwandeln sich in Engel und bringen das Flugzeug zum Absturz. Der ganze Aufwand gilt Abesser, der in ein fantastisches Totenreich entführt werden soll. In wessen Auftrag die drei Dienstengel handeln, wissen sie selbst nicht genau. Aber es scheint um ein Projekt zu gehen, bei dem das Verhältnis zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen neu verhandelt wird. Durch den Roman geistern ständig Anspielungen auf den Propheten Hesekiel aus dem Alten Testament: Er hatte die Vision einer Art Maschine, der ein menschenähnliches Wesen entsteigt und ihm verkündet, was Gott verlangt. Diese Maschine erfährt jetzt eine Art Schubumkehr. Die Entführung Daniel Abessers hat etwas damit zu tun, dass der göttliche Plan nicht aufgegangen ist: "Es ist der Mensch, der am Ende der Zeiten Gott ins Wort fällt."

Das Bild von Hesekiels Maschine gehört zu einem ungewöhnlichen Versuch, die totalitären Fantasien des 20. Jahrhunderts literarisch zu verarbeiten. Und es gibt, wie immer in den fein versponnenen Kunstwelten von Fries, mindestens ein zweites Assoziationsnetz: Wir finden Daniel Abesser nach dem Flugzeugabsturz in Dantes Göttlicher Komödie wieder. Was dort "Hölle" hieß und "Purgatorium", das trägt hier die Züge des Moskauer Hotel Lux, Stalins Überwachungshotel. Und so, wie der antike Dichter Vergil in der Göttlichen Komödie den Dichter an die Hand nimmt, so steht Daniel Abesser nun einem der berühmtesten kommunistischen Renegaten zur Seite: Arthur Koestler. Fritz Rudolf Fries nimmt die Göttliche Komödie ernst und erweckt die Literatur zum Leben, wie bei Dante treten reale Gestalten auf, von Thomas Mann über Stephan Hermlin bis zu Günter Grass. Daniel Abesser wird mehrfach in Versuchung geführt. Er soll mit suggestiven Mitteln für etwas verfügbar gemacht werden, für etwas Höheres. Aber ihn interessiert nur, wie er zu seiner Frau Ribka zurückfinden könnte; er zeigt sich eindeutig aufs Diesseits fixiert.