Ist das nicht der Roman, auf den wir heimlich gewartet haben?", fragte Ulrich Greiner 1996 beim Erscheinen von David Gutersons Welterfolg Schnee, der auf Zedern fällt. Das warf auch die Frage auf, was wir denn künftig würden erwarten dürfen. Doch die nächsten Bücher des 1956 in Seattle geborenen Autors – die Erzählungen Das Land hinter uns, das Land vor uns und der Roman Östlich der Berge – wirkten eher erwartungsdämpfend, weil sie trotz ihrer erzählerischen Qualitäten nicht die kompositorische Geschlossenheit, nicht die atmosphärische Dichte von Gutersons Debütwerk erreichten, an dem der frühere Englisch- und Geografielehrer sieben Jahre lang ohne öffentlichen Erwartungsdruck gearbeitet hatte.

Für seinen dritten Roman hat sich Guterson nun wieder mehr Zeit nehmen können, auch nehmen müssen, weil er nach dem 11. September 2001 Schwierigkeiten hatte, sein damals fast schon fertiges Buch zu vollenden. Tatsächlich ist Unsere Liebe Frau vom Wald ein sehr apartes Gegenstück zum Angriff islamistischer Fanatiker auf die USA, denn auch darin geht es um einen religiösen Wahn.

Im Zentrum der Handlung, aber immer wieder an den Rand gedrängt, steht Ann Holmes – eine 16-jährige Ausreißerin, sexuell missbraucht, erfahren im Umgang mit Drogen, weniger erfahren in der Dosierung jener Medikamente, mit denen sie ihre allergischen Schübe in den Griff zu bekommen versucht. Ann haust auf einem Campingplatz am Rande einer Holzfällerstadt im Nordwesten der USA, deren Wirtschaft und Einwohner das Ende des Holzbooms nur mühsam verkraften. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit dem Sammeln vom Pilzen, bis ihr eines Tages im Wald die Mutter Maria erscheint.

Dass ein Sohn einer agnostischen jüdischen Familie sich ein solches, sehr katholisches Thema wählt, mag zunächst erstaunen, doch auch David Gutersons früheren Gestalten war ein gewisses De profundis nicht fremd. Und wenn schon etwas Göttliches, dann sei die Vorstellung einer barmherzigen Gottesmutter tröstlicher als die eines zornigen Vaters – oder eines gekreuzigten Sohnes. Guterson beruft sich dabei nicht nur auf gnostische Vorstellungen, sondern auch auf "offizielle" Marienerscheinungen, deren Protagonistinnen jung und theologisch ungebildet waren. Und egal ob diese Liebe Frau vom Wald nun eine Sinnestäuschung oder etwas ganz anderes ist, so ist die Wirkung doch enorm, denn viele Menschen haben die Frage, ob es Wunder gebe, längst entschieden. Sie brauchen ein Wunder, und am besten gleich mehrere.

Schon bald werden Stadt, Campingplatz und Wald von einer Woge Wundergläubiger überrannt, die sich in ihrem religiösen Eifer gar nicht klarmachen, welche Folgen ihr massenhaftes Auftreten etwa für die Psyche der dort beheimateten Fleckenkäuze haben könnte. Für die Holzfäller sind sie noch seltsamer als die "Flut der Lattetrinker und Baumumarmer", und David Guterson hat es sichtlich genossen, diese Massenhysterie satirisch eskalieren zu lassen.

Devotionalienhändler bauen ihre Stände auf und schmücken sie mit Transparenten wie "Katholischer Bedarf für den Nordwesten". Wassereimer füllen sich mit Geldspenden, mit deren Hilfe eine ehemalige Zeltplatznachbarin von Ann später einen langen Mexiko-Urlaub finanzieren wird. Und mit jedem Waldgang Anns, mit jeder ihrer Visionen wächst die Zahl ihrer Begleiter weiter, sodass selbst die Eigentümer des Waldes zum ersten Mal ernsthaft nach dem Schutz der Natur rufen. Bald hat Ann eine selbst ernannte Sprecherin, eine Leibgarde und die Aufmerksamkeit zweier katholischer Priester, von denen einer dem Reiz ihrer "zarten Verwahrlosung" zu erliegen droht, während der andere, offiziell entsandte Gottesmann ihre wunderbaren Visionen lieber heute als morgen als Sinnestäuschung entlarven würde.

Dass Ann weder katholisch noch überhaupt getauft ist und dass sie nichts so dringend braucht wie einen Arzt, der sie sofort in die nächste Klinik einweist, interessiert niemanden. "Konnte die Mutter Gottes dies wirklich gewollt haben, dieses spontane, aufdringliche Übermaß an Huldigungen?", fragt sich Ann. Schwer krank und fiebernd, ist sie schließlich ein brennender Strohhalm, nach dem die Verzweifelten greifen. Und Verzweiflung, jene tiefe robuste Verzweiflung, wie sie in solchen Hinterwäldlerregionen voller kaputter Wälder und kaputter Familien wächst, gibt es in diesem Roman mehr als genug.

Unsere Liebe Frau vom Wald zeigt einmal mehr, wie leicht der Glaube und die Hoffnung aus dem Ruder laufen können, wenn es an wahrer Liebe fehlt, denn niemand hätte eine barmherzige Mutter so nötig wie Ann selbst. Diese an sich simple Tatsache setzt ein Geschehen von chaotischer Komplexität in Gang, das bald keiner der Beteiligten mehr zu überschauen vermag.