Ohne Übertreibung kann man sagen, dass sich die Belletristik und das Kino des 20. Jahrhunderts an wenigen Orten so zu Hause, so stofflich gut versorgt fühlen wie in der Welt, im allegorienhaften Mikrokosmos des Grandhotels. Wer ein paar Dutzend Bücher gelesen und ein paar Filme gesehen hat, kann auf der Stelle mehrere aufzählen, die im Hotel spielen. Vom Daseinstopos des befristeten Aufenthalts bis zum Gesellschaftstopos der Bühne bietet das Hotel so viel pralle Ästhetik wie eben auch pralles Leben; Liftboys, Juwelendiebe, reiche einsame Witwen und vieles mehr. Eigentlich ist diese Hotelwelt in der Realität ein wenig anachronistisch. Aber in der Kunst (siehe Lost in Translation von Sofia Coppola) eben doch unverwüstlich.

Der 51-jährige deutsch-schweizerische Schriftsteller Alain Claude Sulzer greift in seinem neuen Roman Ein perfekter Kellner auf ein Lieblingsgenre der Hotelerzählung zurück: das Melodram. Erzählt wird die Geschichte des alternden homosexuellen Kellners Erneste, dem Dienen nicht nur Beruf, sondern Gefühlsform ist. Seit Erneste vor 30 Jahren den Mann seines Lebens, den von vielen begehrten Jakob, verlor, dient sein Leben der Erinnerung an diese eine Liebe. Erneste und Jakob waren in den dreißiger Jahren Kellner eines Schweizer Grandhotels. Sie bewohnten gemeinsam ein Angestelltenzimmer. Erneste fand in dieser (fabelhaft, so dezent wie deutlich geschilderten) sexuellen und seelischen Zweisamkeit alles, was er je gesucht, erträumt, ersehnt hatte. Jakob findet darin nur eine Etappe auf dem gesellschaftlichen Weg nach oben. Er trifft eine brutale Entscheidung. Er folgt einem berühmten, ihn aushaltenden Schriftsteller (in dem eine Fiktion Thomas Manns zu erkennen ist) nach Amerika ins Exil. 30 Jahre später, im Jahr 1966, erhält Erneste, der nie mehr von Jakob gehört hat, plötzlich einen Brief aus New York. Impertinent wie eh und je, fordert Jacob Erneste auf, bei dem alten Schriftsteller Geld zu besorgen.

Mit dem Eintreffen des Briefes beginnt, mit Ernestes Besuch bei dem Schriftsteller endet der Roman. Seine Erzählform ist novellenhaft, seine Montagedramaturgie wechselt zwischen Rückblenden in die dreißiger Jahre und fortlaufendem Handlungsbericht der erzählten Gegenwart, den sechzigern. Bei all diesem literarischen Handwerk, bei der Inszenierung des Bühnenhintergrundes aus Milieu und historischer Zeitgeschichte, besitzt Alain Claude Sulzer eine geradezu klassische, ja altmodische Souveränität. Er besitzt sie – von einigen Manierismen abgesehen – auch in seiner distinguierten Sprache. Es ist die Sprache eines Erzählers, der sich nicht persönlich einmischt in sein Werk. In dessen Zentrum steht, mit der ganzen Charakterwürde des verzweifelt Passionierten, der Kellner Erneste. So groß ist das Melodram seiner Liebe, dass dessen Geschichte den Roman fast allein versorgt und der Erzähler es sich leisten kann, das ganze Orchester der Hotelwelt nur wie ein fernes Geräusch einzusetzen.