Vor Jahren hat die norwegische Schriftstellerin Linn Ullmann den ebenso banalen wie philosophischen Satz gesagt: "Ich glaube, dass zu jedem Menschen eine große Einsamkeit gehört." Ihre nunmehr drei, seit Ende der neunziger Jahre entstandenen Romane lassen sich allesamt als Variationen dieser Erkenntnis lesen; Bücher, die geprägt sind von einem unsentimentalen Blick auf den Zustand menschlicher Beziehungen.

Die 1966 als Tochter des Regisseurs Ingmar Bergman und der Schauspielerin Liv Ullmann in Oslo geborene Autorin zeigt gewöhnliche Menschen in gewöhnlichen Situationen: beim Sichverlieben und Heiraten, beim Sichwiedertrennen und nun – wie im Fall ihres neuen Buches Gnade – auch beim Sterben. Ihre präzise, oft bewusst kunstlose Sprache schafft dabei eine Art Vakuum hinter den Worten, in dessen Sog ihre Figuren mit ihrer ganzen Existenz geraten. Dabei bevorzugt sie eine Darstellungsform, die dem Leser keine Deutung anbietet und darin an Tschechow oder den Amerikaner Raymond Carver erinnert, sodass sich ihre Geschichten ganz aus der Dynamik und der inneren Logik der geschilderten Umstände entwickeln. Das Resultat sind kleine, geschlossene Universen; melancholische Endspiele, die sich nicht nachlassend existenziellen Begriffen wie Einsamkeit, Liebesverlust und Verbitterung widmen, und ihre suggestive Kraft aus der Hartnäckigkeit beziehen, mit der sie dies tun. Allem voran Ullmanns neuer Roman Gnade.

Was würde man sich selbst im Angesicht des Todes wünschen?

Präsentierten ihre ersten beiden Romane Die Lügnerin (1999) und Wenn ich bei dir bin (2001) Menschen, die angesichts der Härten ihres Lebens Trost und Vergessen im Alkohol oder im eigentümlich bewusst vollzogenen Selbstbetrug suchen, so stellt Gnade unerschrocken und mit erstaunlicher Weisheit letzte Fragen. "Das Buch erzählt die Geschichte des Schwarzsehers Johan Schletten", erklärt die Autorin im Gespräch. "Ein Mann, der sein Leben lang versucht, alles unter Kontrolle zu haben. Selbst als er bereits dem Tode geweiht ist. Er bittet seine Frau Mai, die Ärztin ist, ihm beim Sterben zu helfen. Doch als sie sofort einwilligt, bekommt er Angst und fragt sich: Weshalb ist sie dazu bereit? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Und wer entscheidet eigentlich, wann es so weit ist?"

So entspinnt Gnade die Chronik eines angekündigten Todes, die sich zugleich mit dem Wert und den Motiven von Courage, Mitleid und Nächstenliebe auseinander setzt. Dabei versteht es die Autorin meisterhaft, das heikle Thema Sterbehilfe zu verhandeln, ohne historische und gesellschaftspolitische Aspekte in den Vordergrund zu stellen. Viel wichtiger sind Fragen wie diese: Was würde man sich selbst in einer solchen Situation wünschen? Und was würde es für einen persönlich bedeuten, wenn ein anderer bereit wäre, einem diese Hilfe zu gewähren? Für Linn Ullmann zählt nur die reine, vorbehaltlose Darstellung der Konflikte in ihrer ganzen Komplexität. "Von meinen Eltern habe ich gelernt, dass Künstler sein vor allem bedeutet, unpopuläre Dinge zu tun. Und dass man als Künstler, wenn man es ernst damit meint, das eigene Leben als ständiges Experiment begreifen muss", sagt Linn Ullmann, die in New York Anglistik studierte, ehe sie, 23-jährig, in ihre Heimat zurückkehrte, weil sie ihr erstes Kind erwartete.

Behutsam protokolliert ihr Roman die letzten Lebenstage des 71-jährigen ehemaligen Zeitungsredakteurs Johan Schletten, der bei einer ärztlichen Routineuntersuchung den niederschmetternden Befund erhält, unrettbar an Krebs erkrankt zu sein. "›Ein halbes Jahr, vielleicht mehr, vielleicht weniger‹, sagte der Arzt. Und dann, nach einer Pause. ›Aber wie ich schon sagte…‹ Er sprach den Satz nicht zu Ende. Es wurde still. Johan sah zu Boden, zupfte an seiner rechten Augenbraue, eine schlechte Angewohnheit, die er seit seiner Kindheit hatte und die seinem Gesicht etwas Schiefes verlieh, da er über dem linken Auge eine buschige Braue hatte und über dem rechten eine gezupfte. Er versuchte herauszufinden, was genau er empfand. Für die Worte des Arztes gab es kein Zurück, aber es waren, wie gesagt, Worte, keine Schläge oder Liebkosungen, und Worte brauchen länger, bis sie wirken."

Ähnlich wie Jon Fosses 2001 erschienener Kurzroman Morgen und Abend , der episch gedehnt den letzten Atemzügen des Fischers Johannes folgt, geht auch Ullmanns Buch der Frage nach, wie viel Selbsttäuschung der Menschen bedarf, um sich dem Sterben hingeben zu können. Dabei beschreibt Linn Ullmann, der, wie sie sagt, "der Tod hinter jeder Ecke etwas zuflüstert", den Akt fortgesetzten Verdrängens und bewussten Umdeutens als durchaus positiv, ja, sie rückt einen Begriff an dessen Stelle, der die Vorstellungswelt einer Zeit heraufbeschwört, in der es die Psychoanalyse als universelles Deutungsmuster noch nicht gab: das Wort Gnade. "Schletten ist ja eine Art Antiheld", sagt sie. "Niemand mag ihn wirklich außer seiner Frau. Er ist hilflos und hat Angst. Doch je länger sein Sterben dauert, desto gnädiger wird er mit sich und der Welt, das hat mir gefallen und mir das Schreiben sehr erleichtert."

Linn Ullmann beschreibt und begleitet einen kleinmütigen, bisweilen sogar würdelosen Vertreter seiner Spezies, einen Jedermann. Doch indem es ihm am Ende gelingt, sich seine Fehler und Schwächen zu verzeihen, gewinnt er erstmals Größe. Dabei zielt Johans Bitte um Sterbehilfe bis zuletzt darauf ab, seine Ehefrau Mai in sein Sterben zu involvieren, um der Angst, dem Schmerz und dem Tod nicht allein gegenüberzustehen. Doch sein Wunsch erfüllt sich nicht, kann sich nicht erfüllen. Als der Augenblick gekommen ist, in der aus dem Gedankenspiel Ernst wird, empfindet Johan ganz anders als gedacht – und kann Kontrollverlust und Einsamkeit nicht entgehen.