Wenn man Elfriede Jelinek verstehen will, muss man bei Karl Kraus anfangen oder noch ein bisschen früher bei Ferdinand Raimund. Wenn man aber den besonderen Zynismus würdigen will, der in der Entscheidung des Nobelpreiskomitees liegt, die notorische Misanthropin, diese Furie der österreichischen Gegenwartsprosa, diese wortschnaubende Schinderelfriede für ihre "sprachliche Leidenschaft" mit dem wichtigsten Literaturpreis der Welt auszuzeichnen, dann sollte man sich vergegenwärtigen, um welche Sorte Welt es sich hier eigentlich handelt. In dieser nichtswürdigen, faschistoiden Welt nämlich, wie sie von Elfriede Jelinek beschrieben (oder besser: angeprangert) wird, gibt es keinen denkbaren Anlass zum Feiern. Es ist eine wahrhaft verrottete Welt, bevölkert von geilen Toten, die nicht einsehen wollen, wie tot sie sind. Sie haben das Pech, erst geboren worden zu sein, nachdem Die Letzten Tage der Menschheit schon vorbei waren, nachdem die Menschheit alle schönen Hoffnungen enttäuscht und die schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen hatte. Jelineks Figuren sind die legitimen Erben von Raimunds Alpenkönig und Menschenfeind , die traurigen Nachfahren von "Kommerzienrat Wahnschaffe", "Familie Durchhalter" und "Major Metzler" aus der Apokalypse des Karl Kraus. Es ist eine Nachkriegsgesellschaft in einer Nachspielzeit, über die Elfriede Jelinek, geboren 1946, ihren Zorn auszuschütten verdammt ist. Alle Wunden sind geschlagen, alle Verheerungen angerichtet, die Leute jedoch, unbelehrbar, unbeirrbar, machen einfach weiter. Sie foltern einander und nennen es Liebe, sie begehen Fahrerflucht und nennen es Karriere. Sie sind – ob im Roman, im Hörspiel, im Essay, im Drama – stets dieselben Vandalen wie in Jelineks frühem Roman Michael . Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft: Da überfährt Michael, der junge Herr Chef, versehentlich das dumme Mädel, die Gerda, aber deren Mutti sorgt sich lediglich um Gerdas neuen, nun ramponierten Mantel. "wie du ausschaust! du weißt wie schwer Blutflecke rausgehen." Die gewalttätigen Formen der Heuchelei sind von Anfang an Jelineks bevorzugtes Sujet gewesen, ob in Liebhaberinnen, Die Ausgesperrten, Die Kinder der Toten. Weil sie sich hartnäckig für unterworfene, geprügelte, überfahrene Frauen, für die weibliche Gier und den speziellen weiblichen Frust interessierte, war sie bald als Hardcore-Feministin verschrien. Ihr literarischer Zugriff auf den Sexismus ist aber weniger feministisch als fatalistisch, denn ihre Frauenfiguren sind genauso verkommen wie die Männer. Die Verkommenheit zu durchschauen, ist das fatale Talent der Dichterin, ihr trauriges Schicksal aber, dass sie dieses Wissen mit niemandem teilen kann. Sie spricht es, brüllt es in taube Ohren – eine Kassandra, die nicht aufgeben will. Darin besteht ihr Mut und ihre Tragik, daher rührt wohl auch das Drastische ihres Stils, und vielleicht meint das Nobelpreiskomitee Jelineks fuchsteufelswilde Verzweiflung, wenn es ihre "sprachliche Leidenschaft" rühmt. "Ich schlage sozusagen mit der Axt drein", hat sie 1984 erklärt, "damit kein Gras mehr wächst, wo meine Figuren hingetreten sind." Wer aber mit der Axt hantiert, der haut gern einmal ein paar Zentimeter daneben. Das Grobschlächtige, Peinliche, Vulgäre ist vielleicht das berühmteste Charakteristikum der Jelinekschen Texte, und ihre zahlreichen, auf das Florett spezialisierten Kritiker haben sich ausgiebig darüber entsetzt. Übersehen haben sie zuweilen, wie souverän diese Autorin die Tradition des uneigentlichen Sprechens, das sie bei Kraus, Horváth, Fleisser gelernt hat, fortführt.Anders als die meisten anderen Gegenwartsautoren wählt sie eine offensive Methode, um das große Unglück der literarischen Moderne, die Abgedroschenheit unseres Redens, zu thematisieren. Sie drischt mit aller Kraft die Spreu, wo andere lamentieren oder so tun, als seien die Wörter noch immer nagelneu. "Leute, die unter der Menschheit gelebt und sie überlebt haben", schreibt Karl Kraus 1918, "sind als Täter und Sprecher einer Gegenwart, die nicht Fleisch, doch Blut, nicht Blut, doch Tinte hat, zu Schatten und Marionetten abgezogen und auf die Formel ihrer tätigen Wesenlosigkeit gebracht." Elfriede Jelineks unwesentliche Figuren sind das vorläufige Ergebnis einer hartnäckigen Suche nach dem Wesentlichen. Sie sind der Rest vom Schützenfest, aber wenn man ihnen geduldig zuhört, dann verraten sie einem vielleicht den geheimen Grund, warum das Mordstheater des Menschseins immer weitergehen muss.