Viele Jahre zeitgeschichtlicher Forschung hat er Konrad Adenauer gewidmet, eine zweibändige, monumentale Biografie verfasst. Jetzt, mit 70 Jahren – so alt war Adenauer, als 1946 sein Aufstieg in die große Politik begann–, legt uns Hans-Peter Schwarz seine knappen Anmerkungen zu Adenauer in die Hände. Wer dabei gleich an Sebastian Haffners Anmerkungen zu Hitler denkt, liegt nicht falsch. Von Haffner hat sich Schwarz ganz offenbar inspirieren lassen. Sieben kurz überschriebene Kapitel sind es auch bei ihm, und von Leben, Leistungen, Verrat ist hier wie dort die Rede. Doch fallen auch die Unterschiede ins Auge. Die Wucht der Haffnerschen Formulierungen, dessen Entschlossenheit zur Zu- und manchmal auch Überspitzung sind Schwarz’ Sache nicht. Ihm geht es um Differenzierung und Nuancierung.

Was also macht das Erfolgsgeheimnis unseres Gründungsgroßvaters aus, den Haffner mit gutem Grund einst einen "Wundergreis" nannte? Was prägte Adenauer, was prägte er, was blieb von seinem Wirken? Diesen Fragen will Schwarz nachspüren, dabei auch in die "Abgründe der Größe" hineinleuchten – gerade hier allerdings reicht die Kraft seines Leuchtstrahlers aber nicht sonderlich tief.

Beginnen wir mit den Prägekräften. Da sind die drei Milieus: Familie, Religion, Köln. Da ist der Geist der Bismarck-Zeit, der wilhelminischen Ära. Adenauers niemals abreißende Sorge vor "Einkreisung" und "außenpolitischer Isolierung", sie wurzelt hier. Da ist der soziale Aufstieg durch Heirat ins Kölner Großbürgertum, ist eine steile kommunale Karriere, wird er doch 1917 mit 41 Jahren jüngstes Oberhaupt einer preußischen Großstadt. Da ist die entschlossene, finanziell allerdings hoch riskante und bei seiner durch die Nationalsozialisten erzwungenen Entlassung 1933 von horrenden Schulden begleitete Modernisierung seiner Heimatstadt, ist die Phase der politischen Abstinenz im "Dritten Reich" mit ihren lebensbedrohlichen Momenten von Verfolgung und Verhaftung, besonders 1944.

Allein all das, auch die politischen und persönlichen Krisen, ist Vorspiel nur, dient gewissermaßen der Sammlung eines Erfahrungsschatzes für das, was nach 1946, recht eigentlich ab 1948, nach dem Tod von Adenauers zweiter Frau, beginnt: ein fast 15 Jahre währender Aufstieg hinein in die Weltpolitik im Gleichklang mit dem Aufstieg des eigenen Landes. Ein Trumpf dabei ist das hohe Alter, gekoppelt mit stupender Vitalität – Anciennität galt damals noch etwas, auch bei den im Schnitt zehn, fünfzehn Jahre jüngeren Siegern. Erst ab 1959 wird daraus zunehmend eine Hypothek.

Schwarz hat völlig Recht, wenn er hervorhebt, dass die Jahre von 1933 bis 1939 vielen älteren Deutschen trotz Diktatur als glückliche Jahre des Aufbruchs und Aufschwungs in Erinnerung blieben. Umso wichtiger war für Adenauer und seine "labilen Deutschen" das noch 1949/50 kaum glaublich gehaltene Doppelwunder der fünfziger Jahre: die rasante Rückkehr in den Kreis der europäischen Mächte und das Wirtschaftswunder im Gefolge des Korea-Booms. Aber war Adenauers Anteil an beidem tatsächlich so groß, wie Schwarz uns glauben machen möchte? Sicher, außenpolitisch war die Konstellation des Kalten Krieges ein Pfund, mit dem der "Alte von Rhöndorf" trefflich zu wuchern und seinen anfangs eng limitierten Handlungsspielraum beharrlich auszuweiten verstand. Aber gewisse Grenzen, gerade in ost- und deutschlandpolitischer Richtung, ließen sich nicht überschreiten. Und als Vater der sozialen Marktwirtschaft kann man Adenauer nun wirklich schwerlich präsentieren, wie es Schwarz zunächst tut, der ihn sogar den Begriff selbst prägen lässt – um später ganz richtig auf die Bedeutung Ludwig Erhards hinzuweisen und festzustellen, dass Adenauers "Gewichtung des Marktwirtschaftlichen und des Sozialen nicht durch völlige Geradlinigkeit gekennzeichnet" gewesen sei.

Tatsächlich war Adenauer kein prinzipiell überzeugter Wirtschaftsliberaler, sondern lediglich ein Anhänger der sozialen Marktwirtschaft, "solange diese Erfolg habe", sich zugleich als Abgrenzungsmittel gegenüber der SPD instrumentalisieren ließ. Dass unter seiner Führung der Sozialstaat bereits zum Wohlfahrtsstaat zu mutieren begann, verschweigt Schwarz nicht.

Dem "Kanzler des Kalten Krieges" lag die Außenpolitik aber wohl näher. Mit seinem "Kurs der Enthaltsamkeit", seiner prinzipiellen Umorientierung des westdeutschen Kernstaates auf die westlichen Demokratien und der Absage an jede Schaukel- und Neutralitätspolitik vollzog Adenauer für Schwarz so etwas wie eine "außenpolitische Revolution". In den beiden ersten großen Krisen des Kalten Krieges, die beide um Berlin kreisten, behielt er gegenüber den Mächtigen in Moskau, Washington und London die Nerven. Drei Albträume trieben den Staatsmann dabei um: der von "Potsdam", also von einer Verständigung der Sieger über deutsche Köpfe hinweg, der eines dritten Weltkrieges und der vom Zerfall der westlichen Gemeinschaft. Als ein "Praktiker der Gleichgewichtspolitik" suchte er daher, solange es irgend ging, die westliche Allianz auszubalancieren, die europäische Integration voranzutreiben. Am Ende seiner Amtszeit geriet diese Gleichgewichtspolitik allerdings heillos durcheinander, weil er angloamerikanischer Entspannungspolitik zu misstrauen begann, sich "Einflüsterungen de Gaulles" und einer "prioritären Frankreich-Orientierung" öffnete.

Lange allerdings besaß Adenauer ein klares Konzept, das Schwarz prägnant herausarbeitet: Die junge Bundesrepublik galt es mit Hilfe der Westmächte, vor allem der USA, zu konsolidieren, die Westmächte gleichzeitig auf einen Wiedervereinigungsrevisionismus zu verpflichten. Ferner galt es aufzurüsten, um der Sowjetunion die Option eines Angriffs zu verwehren, und schließlich diesen "Koloss auf tönernen Füßen" irgendwann zur Preisgabe der DDR zu veranlassen. Das Etikett für diese Konzeption: "Politik der Stärke".