Einfache Fragen zu beantworten ist manchmal gar nicht so einfach. Der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash benötigt in Freie Welt , seinem neuesten Buch, über 300 Seiten, um zu klären, woran wir eigentlich denken, wenn wir "wir" sagen. Natürlich ist die Leitfrage politisch gemeint. Sie lautet in ihrer präzisierten und zugleich demoskopietauglichen Form: "Welches ist das umfassendste politische Gemeinwesen, von dem Sie spontan als ›wir‹ oder ›uns‹ sprechen würden?" Die Antwort gibt der Autor erst am Ende des Bandes. Aber dass sie der Schlüssel für unsere Zukunft ist, sagt er gleich zu Beginn. Und da er hervorragend zu schreiben und zu argumentieren versteht, ist es ein intellektuelles Vergnügen, sich mit ihm auf den langen Weg zur Lösung des Problems zu begeben.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sahen die meisten Europäer in ihrer jeweiligen Nation das umfassendste Gemeinwesen, durch das sie sich miteinander verbunden fühlten, und viele tun das noch heute oder heute wieder. Doch nach 1945 bildeten sich neben dem nationalen ein europäisches, genauer gesagt westeuropäisches, und ein transatlantisches, westliches Wir-Gefühl heraus. "Wir, der Westen": in der Zeit des Kalten Krieges gab es durchaus ein Bewusstsein einer solchen Zusammengehörigkeit. Der Kalte Krieg endete, als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel. Durch den Zusammenbruch des Sowjetimperiums verlor nicht nur der "Osten", sondern auch der "Westen" die Bedeutung, die diese Begriffe über vier Jahrzehnte lang gehabt hatten. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington riefen zwar in Europa, ja auf allen Kontinenten Bekundungen von Solidarität mit den USA hervor. Aber davon ist nicht viel geblieben: Der Irak-Krieg von 2003 hat Europa und den Westen tief gespalten.

Eine Krise des Westens lautet denn auch die Überschrift über dem ersten Teil von Garton Ashs neuem Buch – dem Teil, in dem die Frage nach dem transnationalen "Wir" der Gegenwart und der Zukunft entfaltet wird. Der Autor lädt den Leser zu einer Weltreise ein, die von Großbritannien über das Europa der erweiterten EU nach Amerika und von dort in die "Welt jenseits des Westens" führt. Großbritannien ist ein geeigneter Ausgangspunkt, weil es einen Januskopf trägt: Mit dem einen Gesicht blickt es auf den europäischen Kontinent, mit dem anderen auf die Vereinigten Staaten. Sein Land sei mit dem Verlust des Empire nie fertig geworden, urteilt Garton Ash; es habe seit Churchills Tagen versucht, durch eine "special relationship" mit den Vereinigten Staaten, dem neuen Hegemon, so viel wie möglich von seiner Weltmachtstellung zu bewahren oder wiederaufzubauen. Wer nach den tieferen Gründen für Tony Blairs Irak-Politik sucht, findet sie hier.

Das Gemeinsame wiegt immer noch schwerer als das Trennende

Auf der anderen Seite will Blair ein guter Europäer sein, und er ist der europafreundlichste britische Premier seit langem. Er verkörpert geradezu das Londoner Dilemma: "Die Bande zu Europa wie zu Amerika sind so stark und so lebenswichtig für Großbritannien, dass eine ›Entscheidung für Europa‹ oder eine ›Entscheidung für Amerika‹ für dieses Land einem Verlust seines linken oder rechten Beins gleichkäme." Der europäische Politiker, an dem sich Blair während des Irak-Krieges am stärksten rieb, war der französische Staatspräsident Jacques Chirac. Aber in manchem steht dieser dem Hausherrn von Downing Street Number 10 gar nicht so fern: "Blair, der Neo-Churchillianer, und Chirac, der Neo-Gaullist, sind Brüder im Geist." Auch Frankreich versucht, den Verlust eines Überseereichs zu kompensieren. Davon ist seine Haltung sowohl gegenüber Amerika wie gegenüber Europa geprägt.

Deutschland, das in der Vergangenheit einer Entscheidung zwischen Washington und Paris immer ausgewichen ist, hat in der jüngsten Weltkrise um den Irak eindeutig Stellung bezogen: Es ist den Vereinigten Staaten im Bunde mit Frankreich (und Russland) entgegengetreten. Dafür gab es nicht nur die von Garton Ash betonten und als opportunistisch bewerteten innenpolitischen Gründe, nämlich den Wunsch von Gerhard Schröder und Joschka Fischer, auch nach der Wahl von 2002 an der Macht zu bleiben. Für die Berliner Politik sprach auch eine realistische Einschätzung der zu erwartenden Folgen eines Irak-Krieges. Der Verfasser hält es für verfrüht, die deutsche Politik der Jahre 2002/03 schon jetzt als "dauerhaften Umschwung von deutschem Atlantizismus zu deutschem Gaullismus" zu interpretieren, aber er stellt eine "extreme Sprunghaftigkeit in der Meinungsbildung von Europas Zentralmacht" fest. Da er in Deutschland (und nicht in Großbritannien oder Frankreich) den "Dreh- und Angelpunkt Europas" sieht, beunruhigt ihn dieser Befund.

In den Auseinandersetzungen um die richtige Haltung gegenüber dem Irak Saddam Husseins haben nach Meinung Garton Ashs beide Lager, die Euro-Gaullisten, an ihrer Spitze Jacques Chirac, und die Euro-Atlantiker unter Führung Tony Blairs, eine politische Niederlage hinnehmen müssen. "Die neo-gaullistische Sicht eines unipolaren Europa in einer multipolaren Welt endete mit einem multipolaren Europa in einer nach wie vor unipolaren Welt. Europa – genauer jener Teil Europas, den Frankreich und Deutschland um sich sammelten, war nicht mächtig genug, um die Vereinigten Staaten an ihrem Vorhaben zu hindern… Blair scheiterte genau wie Chirac bei dem Versuch, Europa auf seine Linie zu bringen. Eine Politik, die sich die Einigung des Westens zum Ziel gesetzt hatte, endete schließlich in dessen um so schärferer Spaltung. Das wiederum gewann dem Euro-Gaullismus in vielen Teilen Europas Anhänger hinzu."

Die Bewertung, die der Autor dem Amerika des George W. Bush zuteil werden lässt, ist nicht freundlicher als die des zerstrittenen Europas. Selten ist die Umweltpolitik Washingtons und seine Haltung gegenüber den Entwicklungsländern schärfer kritisiert worden als in diesem Buch. "Im alten Rom soll Kaiser Nero gefiedelt haben, als die Stadt brannte", heißt es da etwa. "Im neuen Rom fiedelt der Präsident, während die Erde brennt." Auf die Antike greift Garton Ash auch zurück, wo er sich dem "Krieg gegen den Terror" und hierbei besonders der persönlichen Rolle von Bush junior zuwendet. "Macht bedeutete in seinem Kopf ausschließlich militärische Macht … Die alten Griechen hatten einen Begriff für eine derartige Haltung. Sie nannten sie Hybris."