Hätte man an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einen aufgeklärten Repräsentanten des europäischen Liberalismus gefragt, wo in der alten Welt es wohl zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung kommen könne, so hätte er mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf Deutschland verwiesen. Ohne auch nur zu ahnen, was sich schon wenige Jahrzehnte später mit dem Begriff Auschwitz verbinden sollte, standen den Zeitgenossen, wenn es um den Antisemitismus ging, ganz andere Beispiele vor Augen: Besonders bösartig regte sich dieser ja gerade an der Jahrhundertwende im Verlauf der berühmten Dreyfus-Affäre in Frankreich, brach in den Pogromen des Zarenreichs immer wieder auf wüste Art und Weise hervor und war in der Habsburger Monarchie bereits zu einer gesellschaftlich-politischen Kraft aufgestiegen. Wie kam es also, dass der Völkermord an den Juden schließlich in Deutschland geplant und verwirklicht worden ist?

So lautet die Frage, die Philippe Burrin, durch seine Darstellung Hitler und die Juden. Die Entscheidung für den Völkermord als einer der besten Sachkenner ausgewiesen, in seinem neuen Essay untersucht. Der Antisemitismus sei, so lautet seine Antwort, "eine Waffe im Kampf um Identität" gewesen, habe den seit eh und je, was ihre Gestalt und ihre Bestimmung angeht, unsicheren Deutschen dazu gedient, die tiefen Zweifel an ihrer eigenen Existenz zu überwinden. Die Juden und ihre "Andersartigkeit" hätten das feindliche "Gegenbild" geliefert, das dafür verantwortlich gewesen sei: "Je mehr die Juden als negativer Bezugsrahmen für die Definition einer Identität dienten, desto gefährlicher war der daraus resultierende Antisemitismus."

In diesen weit abgesteckten Interpretationsrahmen passt der Autor die traditionalen Tendenzen der deutschen Geschichte und deren Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus ein: "Ob ethnischer Nationalismus, Erneuerung der Religion oder autoritäre nationale Werte – alle drei Elemente bargen das Potenzial, eine jüdische ›Andersartigkeit‹ oder vielmehr ›Bosheit‹ zu betonen." Die eigene Verunsicherung, die nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck einer alles erschütternden Instabilität der Weimarer Republik noch einmal intensiviert wurde, steigerte die Aufnahmewilligkeit für jenen rassistischen, religiös tingierten Herrschaftsentwurf, der es Hitler ermöglichte, nationalsozialistische Weltanschauung und deutsche Identität zur Deckungsgleichheit zu bringen.

In dieser Perspektive betont Burrin die Eigenmacht der NS-Ideologie mit ihrem "rassistisch-apokalyptischen Antisemitismus" im Mittelpunkt, dessen "Akklimatisierung" nach der Zäsur des Jahres 1933 ganz systematisch auf den Wegen der Propaganda und der Sozialisation einsetzte. "Rassismus und Antisemitismus", urteilt der Verfasser, "verfestigten sich über ein Phänomen, das man als institutionelle Gerinnung von Ideen und Praktiken beschreiben könnte." Keinen Zweifel gibt es für den Autor an der in diesem Zusammenhang ausschlaggebenden Rolle Adolf Hitlers: "Die Eigenheit dieses Mannes, der dank seiner Stellung im Zentrum des Regimes große Macht besaß und ... die Gewalt gegen die Juden in allen Einzelheiten lenkte und kontrollierte, wird noch deutlicher, wenn man sich die Einstellung seiner Stellvertreter ansieht." Denn diese mussten "ihren Horizont" dem "erst anpassen", was der "Führer" in Bezug auf die Vernichtung der Juden eigentlich vorhatte. Und was die deutsche Bevölkerung angeht, so wusste sie nach dem Befund dieser Studie, "wenn auch unbestimmt, so doch mit Sicherheit, dass die Juden ein wenig beneidenswertes Schicksal erlebten und dass dieses Schicksal unter all dem Leid, welches das NS-Regime so vielen Menschen in ganz Europa zufügte, ein besonders schlimmes war".

Burrin zufolge gelang es den Nationalsozialisten, die Überzeugung zu nähren, dass es erforderlich sei, die "Judenfrage" zu "lösen", und dass die beste "›Lösung‹ darin bestehe, dass die Juden aus Deutschland verschwänden". Mit der Zeit wurde die nationalsozialistische Identität, so der Gedankengang des Autors, mehr und mehr zur nationalen Identität, wurde aus dem nationalsozialistischen Antisemitismus ein – in ganz unterschiedlicher Gestalt anzutreffender – deutscher Antisemitismus.

Philippe Burrin hat ohne Zweifel eine gedankenreiche Antwort auf die Frage gegeben, warum die Deutschen den Holocaust geplant und verwirklicht haben. Sie ist freilich kaum geeignet, die Auseinandersetzung über das Verhältnis der Deutschen zum Völkermord an den Juden definitiv zu klären, sondern dürfte vielmehr dazu anregen, diese aufs Neue zu eröffnen: Wie plausibel erscheint Burrins Erklärungsansatz tatsächlich, so fragt man sich nach der Lektüre, wenn man sich vor Augen führt, dass ein anderes Volk mit gleichfalls ungefestigter nationaler Identität, die Italiener, die ihren Nationalstaat ebenfalls erst spät zu begründen vermochten, zum Problem des Antisemitismus eine andere Haltung bezogen haben?