Um als Jude im Berliner Untergrund zu überleben, reichte es nicht, einen wenn auch noch so gut gefälschten Pass zu besitzen. Der übrige Inhalt der Brieftasche musste ebenso stimmen. Und so hat sich der begabte junge Grafiker Cioma Schönhaus noch legal einen Büchereiausweis und einen an ihn adressierten Brief besorgt. Dass er diese Brieftasche kurz darauf verlor, ist seinem Leichtsinn geschuldet, der ihn oft genug in fast auswegslose Situationen brachte, aber ihm genauso häufig das Leben rettete.

Nach vorsichtigen Schätzungen haben 10000 Juden als "U-Boote" im Untergrund den Terror des Nationalsozialismus überlebt, 5000 davon in Berlin. Ihr Überleben haben sie dem eigenen Mut und der Unterstützung etlicher nichtjüdischer Helfer zu verdanken. Auch wenn diese die Ausnahme in einem System von Zustimmung und Zwang darstellten, so war doch jeder Einzelne für einen untergetauchten Juden von enormer Bedeutung. Deshalb ist Cioma Schönhaus’ Bericht über seine Rettung auch eine Hommage an jene, die aufgrund ihres ausgeprägten Unrechtsbewusstseins das Unmögliche wagten, mit dem hohen Preis, verraten und verhaftet zu werden.

Geholfen haben Schönhaus aber vor allem seine Jugend und ein unerschütterliches Vertrauen, dass schon alles gelingen würde. Vor dem Untertauchen war seine Familie – russische Einwanderer, die in den zwanziger Jahren nach Berlin gegangen waren – schon durch die Hölle von Entrechtung, Verfolgung und der Beraubung ihres Besitzes gegangen. Mit dem Transport im Juni 1942 sollten Eltern und Sohn zum "Arbeitseinsatz" in den Osten gehen. Cioma wurde im letzten Moment zurückgestellt, Vater, Mutter und ein Großteil seiner Familie starben in den Vernichtungslagern.

Dem Sohn blieb nur noch die Illegalität. Er tauchte mit einem Freund bei einer ahnungslosen Vermieterin unter und begann, für eine Untergrundgruppe im großen Stil Pässe zu fälschen. Schönhaus verdiente so viel Geld, dass er sich sogar ein Segelboot kaufen konnte. Es hat lange gedauert, bis der Fälscherring aufflog, auch weil dessen Kopf, der ehemalige Oberregierungsrat Dr. Franz Kaufmann, auf Normalität baute und die Helfer offen in seiner Villa empfing. "Die kriminalistisch ungeschulte Gestapo stellt sich illegale Handlungen so vor wie der kleine Moritz: Alles fände im Schutze der Nacht statt, und die Kontrahenten liefen scheu um sich blickend… herum. Ich verhalte mich also genau umgekehrt…"

Die Passfälscherwerkstatt befand sich in einem Elektrolager der afghanischen Botschaft. Zur Tarnung lagen überall dicke Rollen mit Elektrokabeln und Kisten herum, und der junge Grafiker ging regelmäßig am Morgen zu seiner "Arbeit". Eines Tages begegnete er Stella Goldschlag, die als "Greiferin" der Nazis zu traurigem Ruhm gelangen sollte und die er noch von der Kunstgewerbeschule kannte. Nichtsahnend bot er an, ihr sein illegales Zimmer zu zeigen. Doch sie lehnte ab und verriet ihn nicht. Diese Begegnung ist exemplarisch für das Glück des Untergetauchten, der seine Geschichte auch heute noch mit der Unbekümmertheit des Jugendlichen erzählt. Schließlich wagte er es sogar, mit einem Fahrrad von Berlin in Richtung Schweiz zu fahren, um dort über die grüne Grenze endlich in Sicherheit zu gelangen. Frechheit siegt nicht immer ist ein Kapitel des Buches überschrieben, aber sie hilft weiter, wie dieses Buch aufs schönste zeigt.