Persönliche Erinnerung haben wir alle. Nicht nur die Autoren dieser Saison, sondern wir Alten, die wir vom Zweiten Weltkrieg nicht loskommen, weil unsere Alten darin mehr oder weniger unangenehm verwickelt waren. Wer je erlebt hat, wie seine Mutter ratlos durchs Haus lief, weil sie nicht wusste, wohin mit Mein Kampf und Der Mythos des 20. Jahrhunderts, und wie sie sich mit nervösen Fingern bemühte, die silbernen und goldenen Aufnäher auf Vaters Uniform abzutrennen – von der Entsorgung der Hakenkreuzfahne ganz zu schweigen –, während auf der Straße die demokratische Gesinnung versuchte, mit den amerikanischen Panzern Schritt zu halten: Wer diese Sternstunde deutscher Geschichte erlebt hat und darüber nicht in seinen Erinnerungen berichtet, der hat den Trend auf der diesjährigen Buchmesse falsch eingeschätzt.

Zur Besetzungsliste der Mitläufer, Teilschuldigen, Wegseher und Helfershelfer gesellen sich neuerdings die Widerständler. Da darf auch die Familie Siebeck nicht fehlen, unter deren brauner Oberfläche (mein Vater) die Bereitschaft zum Widerstand glomm wie ein Schwelbrand unterm Teufelsmoor. Er entzündete sich schließlich an dem von Hitler verordneten Eintopfsonntag.

Zur Einsparung von Devisen, und überhaupt zur Verhinderung undeutscher Schlemmerei, hatte der Vegetarier auf dem Obersalzberg seine Volksgenossen aufgerufen, dem aufwändigen Sonntagsbraten abzuschwören und sich stattdessen mit einem Eintopf zufrieden zu geben. Also prägte der Eintopfsonntag das "Dritte Reich" in den letzten Jahren vor seinem Untergang.

Nicht aber im Freigrafendamm 11, wo die Familie Siebeck im 2. Stock eines Häuserblocks zur Miete wohnte. Kann sein, dass meine Mutter ein- oder zweimal eine Erbsensuppe mit Speck gekocht hatte, diese völkische Alternative zum Kalbsnierenbraten. Aber da ich ein schlecht essendes Kind war (nichts von dem, was meine Mutter kochte, hat mir geschmeckt), lebte sie in ständiger Sorge, ich könnte nicht groß und stark werden, und nahm Rücksicht auf meine Idiosynkrasien, wo es nur möglich war. Also wurde die Erbsensuppe mit Speck gestrichen. Zwangsernährt wurde ich nur mit Lebertran, von dem ich täglich einen Löffel bei zugehaltener Nase schlucken musste.

Leider war ich damals noch nicht, der ich heute bin, sonst hätte ich meine Mutter belehren können, dass halb rohe Zwiebelstücke im durchgedrehten Spinat von einer sensiblen Zunge als ekelhaft empfunden werden. Jedenfalls war eine Familie, die mit einem derart anspruchsvollen Kind gesegnet war, in Zeiten des Eintopfsonntags ungenügend angepasst, mochte auch der Familienvater das Parteiabzeichen am Revers tragen.

Übrigens gehörte zum Repertoire der Eintopfsonntage neben der Erbsensuppe auch das Gulasch. Ein anständiges Gulasch, sollte man meinen, wäre einem verwöhnten Bengel zuzumuten, solange es kein Pferdegulasch ist. Natürlich war es damals kein Pferdegulasch, weil der deutsche Mensch keine Pferde aß. Diese Angewohnheit sollten ja nur rassisch minderwertige Völker haben. Dabei gab es damals noch viele Pferde im Straßenbild, sogar über den Freigrafendamm zogen Milchbauern, Kartoffelhändler und Lumpensammler mit ihren Karren. Und vor diese Karren waren Pferde gespannt. Aber im Eintopf der Familie Siebeck landeten sie nie. Viel später sollte ich erfahren, dass man aus Pferdefleisch ein sehr gutes Gulasch und auch erstklassige Schmorbraten zubereiten kann. Aber damals delektierten sich die Volksgenossen lieber an der arischen Steckrübe, als dass sie ein delikates Fohlenfilet auftischten.

Daran hat sich seitdem wenig geändert, was verwunderlich ist angesichts der Aufgeschlossenheit der Deutschen gegenüber fremden Küchen. Aber eher essen sie mit Stäbchen ein höllisch scharfes Stück Tiefseetang, als einzusehen, dass ein Stück vom Pferd nicht weiter vom Schweinebraten entfernt ist als die Lammkeule, welche ja erstaunlich widerstandslos Eingang gefunden hat in unsere Sonntagsküchen.

Übrigens war es mit dem nur gelegentlich an Sonntagen gekochten Eintopf seit dem Ausbruch des Krieges sofort vorbei. Wenn sie uns das tägliche Leben schon durch Verdunkelung, rationierte Lebensmittel und nächtliche Fliegeralarme erschwerten, so mochte meine Mutter gedacht haben, dann werden wir nicht auch noch freiwillig auf seine bescheidenen Freuden verzichten. Und zu denen gehörte eben auch der Sonntagsbraten. Und, wie schon an anderer Stelle erwähnt, die Buttercremetorte. Da diese, wie jeder weiß, vor allem aus Butter besteht, aus "guter Butter", wie es damals zum Unterschied zur Margarine hieß, waren die Zutaten für diesen kulinarischen Gipfel der deutschen Bürger nur schwer zu finden. Denn die pro Kopf der braunen Bevölkerung zugeteilte Menge an "guter Butter" betrug gegen Ende des Krieges nicht mehr als 62,5 Gramm pro Woche. Ein skandalöser Zustand, wie meine Mutter fand, der die Ernährungslage in den großdeutschen Gefangenenlagern und KZs nicht bekannt war.

Meinem Vater dürften aufgrund seiner parteipolitischen Stellung auf dem Außenposten in Posen viele diesbezügliche Details vertraut gewesen sein. (Obwohl sogar höchste NS-Chargen vom millionenfachen Morden rings um sie herum nichts wussten, wie nach dem Krieg bekannt wurde.) Ich habe ihn zwei- oder dreimal in den Schulferien besucht, entdeckte an ihm aber bestenfalls eine Veränderung zum Wohlleben, das im Gegensatz zu seinen früher geäußerten NS-Parolen stand. Er ging mit mir in gute Restaurants, wo ich mich mit Pfifferlingen voll stopfte. Er verkehrte damals in einer volksdeutschen Familie, die ein Kaufhaus mit einer Maßschneiderei besaß, wo mir mehrere Anzüge mit kurzen Hosen angefertigt wurden. Mit einer der flotten Töchter (stark geschminkt, extravagante Kleider, Raucherinnen) hatte er ein Verhältnis, was mir nicht verborgen blieb. Sie besaßen auch ein größeres Gut auf dem Lande mit einem eigenen See, dessen Mückenpopulation mir den Aufenthalt verleidete. Ein dort ständig wohnendes Familienmitglieder betätigte sich als Maler, was zur Folge hatte, dass seine Bilder in dichten Reihen an den Wänden der langen Flure hingen. Ich erinnere mich nur an eines, das einen blonden, jugendlichen Trommler in meinem Alter darstellte. Er trug eine HJ-Uniform und symbolisierte für mich alles, was mir an dieser heroischen Zeit missfiel.

Einmal nahm mein Vater mich in seinem Dienstmercedes mit auf eine Rundreise durch das besetzte Polen. Sie führte unter anderem nach Lodz, wo er auf eine Häuseransammlung deutete und sie als Ghetto bezeichnete. Dann machte er noch einige hämische Bemerkungen über die Juden, und damit endete seine Einführung in den Mythos des "Dritten Reichs". Es ist anzunehmen, dass ihn das feudale Leben als Besatzer vom spartanischen Stil der Nationalsozialisten weit genug entfernt hatte, um die Kanonen-statt-Butter-Parolen nicht mehr sehr ernst zu nehmen.