Sie war 21 Jahre alt, als sie, eine Generalstochter aus einer reichen Adelsfamilie, ihrem Mann nach Sibirien in die Verbannung folgte. Dieser, Fürst und Offizier, war 20 Jahre älter als sie und Mitglied der Dekabristenbewegung, die sich für bessere soziale Verhältnisse einsetzte.

Noch vor Ende ihres ersten Ehejahres – sie hatte gerade ihren ersten Sohn bekommen – war er verhaftet und als Staatsverbrecher zu 20 Jahren Zwangsarbeit sowie lebenslänglicher Verbannung verurteilt worden. Er verlor Titel, Vermögen und Bürgerrechte. Da sie entschlossen war, ihrem Mann zu folgen, schrieb sie ein Bittgesuch an ihren Landesvater. Dieser warnte sie, über Irkutsk hinaus zu reisen, doch überließ er die Entscheidung ihr. Ihren Sohn ließ sie notgedrungen bei Verwandten und machte sich auf den Weg. Es war Dezember.

Eine in Moskau lebende Schwägerin, bei der sie abstieg, veranstaltete ihr zu Ehren einen festlichen Musikabend, zu dem sie alle italienischen Sänger eingeladen hatte, die sich gerade in der Stadt befanden. Zu den Gästen gehörte auch Puschkin, den ihre freiwillig auf sich genommene Verbannung begeisterte. Als sie Moskau verließ, musste sie einen zweiten Wagen nehmen, so viele Pakete hatten ihr die Angehörigen der übrigen Verbannten mitgegeben. Nach 15 Tagesreisen bei klirrendem Frost und Schneestürmen erreichte sie Irkutsk. Zu ihrer großen Freude hatte ihre Schwägerin ihr ein Klavichord auf den Wagen laden lassen, ein in Sibirien unerhörtes Luxusgut.

Nachdem der Gouverneur vergeblich versucht hatte, sie zur Rückkehr zu bewegen, musste sie ein Schriftstück unterzeichnen, wonach sie unter anderem ihren bisherigen Stand verlor und von nun an als Ehefrau eines verbannten Zuchthäuslers behandelt wurde. Falls sie in Sibirien Kinder zur Welt bringen würde, sollten diese als leibeigene, der Krone gehörige Bauern angesehen werden.

Sie reiste weiter und erreichte schließlich das Gefängnis, in dem ihr Mann untergebracht war, eine ehemalige Kaserne, eng und schmutzig. Den für die Staatsverbrecher bestimmten Raum beschrieb sie folgendermaßen: "An den Wänden waren Bretterverschläge angebracht, die wie Hundehütten oder Käfige aussahen und für die Gefangenen bestimmt waren. Man mußte zwei Stufen hinaufsteigen, um hineinzukommen. S.’s Verschlag war nur drei Arschin lang und zwei Arschin breit, dazu so niedrig, dass man nicht aufrecht darin stehen konnte. …B. ließ mich eintreten. Im ersten Augenblick konnte ich nichts erkennen, weil es zu dunkel war. Dann öffnete jemand zur Linken eine kleine Tür, und ich stieg in den Verschlag meines Mannes hinauf, S. stürzte auf mich zu. Das Gerassel seiner Ketten entsetzte mich: Ich hatte keine Ahnung, dass er Ketten trug… Der Anblick seiner Ketten erschütterte mich so sehr, dass ich vor ihm auf die Knie sank und erst seine Ketten küßte und dann ihn."

Ihre Ankunft sowie das Eintreffen weiterer Ehefrauen war für die Gefangenen von großem Nutzen. Nach anfänglichen starken Repressalien wurde es den Gefangenen nach einigen Jahren schließlich erlaubt, zweimal wöchentlich ihre Frauen zu Hause zu besuchen. Später, in einem anderen Gefängnis, durften die Frauen sogar dort wohnen.

In Sibirien erhielt sie die Nachricht vom Tod ihres kleinen Sohnes. Einige Jahre später bekam sie einen weiteren Sohn, noch etwas später folgte eine Tochter. Das Angebot, sich von den Kindern zu trennen und diese in einer staatlichen Lehranstalt erziehen zu lassen, wies sie zurück. 30 Jahre nach der Verurteilung ihres Mannes wurden alle Verbannten nach Hause geholt. Von den 121 Mitgliedern der Geheimgesellschaft lebten nicht einmal mehr 20.