Im 8. Jahrhundert saßen sie da, mit ihren kegeligen Kappen auf dem Haupt, in edle Stoffe gehüllt, die Schriftgelehrten und Stadtschreiber von Kairo, Jerusalem, von Bagdad und Damaskus, und trafen eine folgenschwere Entscheidung. Die Poesie sollte fortan mit dem Begriff nosm verknüpft werden, was in klassischem Arabisch Organisation und Ordnung bedeutet, während die Prosa als nether bezeichnet wurde, Fragmentierung und Wirrwarr. Bis heute wirkt sich diese Bewertung aus, und die Dichtkunst gilt im arabischen Kulturkreis als die "ideale Halskette, an der es sich zur Gefälligkeit reiht". Sagt jedenfalls die 26jährige Hala Shrouf aus Ramallah. Folgerichtig steht sie Romanen, Artikeln oder Essays skeptisch gegenüber und glaubt, diese seien weniger geeignet, etwas Sinnvolles und Tiefes zu kommunizieren. 

Hala Shrouf ist selbst Dichterin und wird im Westjordanland derzeit hoch gehandelt, da sie vor wenigen Tagen die Hassan-Hourani-Auszeichnung bekommen hat, den wichtigsten palästinensischen Kunstpreis, der alle zwei Jahre vergeben wird. In ihrem Gedicht Die Decke der Stadt kommt runter heißt es: "Meine Stadt ist eng. Dicht. Und auch ich bin innen sehr dicht. Leider kann ich die Ruhe zum Anziehen nicht im Kleiderschrank finden. Vielleicht reist sie gerade anderswo oder stirbt ganz langsam, in der Nähe der alten Männer. Vielleicht wurde ihr auch in die Brust geschossen. Oder sie hat sich umgebracht? Sind wir uns womöglich nie begegnet?"

Wir treffen uns am Löwenplatz, dem Zentrum von Ramallah. Hala lehnt meine Einladung zu Granatapfelsaft ab, sie raucht lieber eine Zigarette. An den Außenwänden aller Gebäude hängen Poster mit den Gesichtern von Selbstmordattentätern. 

"Leute, die so etwas machen, sind meistens aus den Dörfern und haben nichts mehr zu verlieren", sagt Hala. "Sie sind von der Lage total verwirrt und glauben, sie leisten dadurch den einzigen ihnen möglichen Beitrag." Welche Rolle kann nosm in der gegenwärtigen verfahrenen Lage überhaupt noch spielen? Sie schaut mich an und lacht von einem Ohr zum anderen. "Nun, nosm ist das Gegenteil zum Sich-in-die-Luft-Sprengen. Nosm ist Rhythmus, ist Musik, ist die Sprache der Seele. Nosm macht Sinn. Es wird nur das mitgeteilt, was zur Harmonie beiträgt. Nosm ist das Einzige, das mir Ausgeglichenheit gibt. Jeden Tag verzerrt die Besatzung mein Leben. Deshalb sehne ich mich nach Reduktion, nach Organisation."

Hala hat mit 13, 14 Jahren angefangen, Gedichte zu lesen, im syrischen Exil. Geboren wurde sie in Libyen, hat zwischenzeitlich in Tunesien gelebt. "Ich verstand damals überhaupt nicht, was eigentlich ablief. Ich sehnte mich nur nach einem Zuhause. Ich las dann ein Gedicht von Mahmud Darwish und begann sofort, die Welt so zu sehen wie er. Er gab mir Halt in der Fremde." Mit 18 fing Hala an, selbst zu schreiben. Damals durfte ihre Familie aufgrund des Oslo-Abkommens in die Heimat zurück. "Seitdem leben wir in Ramallah, und ich träume davon, etwas zu schreiben, das auch anderen hilft, ihre Gefühle zu ordnen. Sodass eben nicht alles auseinander fliegt."

Mahmud Darwish wird nicht nur von Hala Shrouf hoch geschätzt. Seinen Namen hört man immer wieder auf den Straßen Ramallahs, in den schicken Gartenlokalen und gutbürgerlichen Wohnzimmern der Stadt. Er wird von den Palästinensern als ihre Stimme, ihr Geist, als die Verkörperung ihrer Poesie anerkannt. "Ich möchte ein längeres Leben, damit wir uns treffen können, ich möchte länger in der Fremde weilen. / Und hätte ich ein leichtes Herz, ich ließe es auf jede Biene los."

Wir sprechen in seinem Schreibzimmer miteinander, in einem alten ottomanischen Haus mit Steinboden, und ich will wissen, wie es funktionieren kann, in einem besetzten Gebiet ein Gedicht zu schreiben, inmitten des Chaos. Darwish zwinkert einige Male, wie um seinen Blick zu klären. "Schwierig. Die Poesie braucht Entspannung, Stille, um überhaupt entstehen zu können. Es sieht etwa so aus: Wenn ich schreibe, bin ich ganz allein, und es ist ruhig. Ich denke dann nur an mich selbst. Zur gleichen Zeit aber gilt: Meine Geschichte ist keine persönliche Geschichte. Die Gesellschaft sickert hinein. Das Gedicht, ein sehr fragiles Wesen, wird ständig bedroht von der politischen Lage. Poesie ist ein nichtrealisierter Traum, und ich träume nicht viel im Augenblick. Denn Träume, wie Gedichte, brauchen Raum und Ruhe. Die Gegend, in der wir träumen könnten, ist allerdings besetzt. Platz gibt es vor allem für Albträume." 

Welcher Albtraum fällt Ihnen als erster ein?