Es ist gar nicht so einfach, Frau Monti zu finden. In Micco, einem kleinen Ort am Ufer des Indian River an der Ostküste Floridas, scheint niemand ihren Namen zu kennen. Am 27. September berichtete eine Reporterin über die 86-jährige Julie Monti, die sich mit ihrem Hund in einem Kleiderschrank versteckte, als der Hurrikan Jeanne das Dach von ihrem Haus riss. Sie war erst zwei Monate zuvor aus New Jersey nach Florida gezogen. Als die Reporterin sie sah, stand die alte Dame auf einem wackeligen Stuhl und versuchte, Fensterlöcher abzudichten. Sie hatte von einem geruhsamen Lebensabend in der Sonne geträumt und stand vor dem Nichts. Das Haus war nicht versichert.

Eine junge Frau im Gemeindezentrum von Micco hat einen von einer Julie Monti ausgestellten durchnässten Scheck über 186 Dollar gefunden, ihn vorsichtshalber zerrissen. Mehr weiß auch sie nicht. Aus der Windrichtung lässt sich immerhin schließen, wo der Scheck hergekommen ist.

Dort betrachtet ein sonnengebräunter Mann das von der Flutwelle des Sturms unterspülte, in drei Stücke gebrochene Fundament seines Hauses, das er vor dem Sturm zu bauen begonnen hat. Auf der einen Seite des Grundstücks ragen die verbogenen und zerbrochenen Stahlträger einer zerstörten Bootswerft in den Himmel. Auf der anderen Seite liegen umgeknickte Palmen im Sand.

Als der letzte Hurrikan in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts über Micco hinwegfuhr, wohnte hier kaum ein Mensch. Heute ist der Ort eine Rentnerkommune mit knapp 10000 Einwohnern. Sie fahren in Motoryachten auf dem drei Kilometer breiten Fluss und auf den jenseits eines schmalen Küstenstreifens liegenden Atlantik hinaus. Sie spielen im Country-Club Golf. Der Himmel ist fast immer blau. Die Temperatur schwankt zwischen 17 Grad im Januar und 26 Grad im August.

Micco stellt sich im Internet als "Gemeinde mit einem unterdurchschnittlichen schwarzen Bevölkerungsanteil und einer weit unter dem Durchschnitt liegenden lateinamerikanischen Einwohnerschaft" vor. Weiße Amerikaner fänden hier Zuflucht vor "den Minderheiten und der Aggressivität der Städte", wie sie ihren Rassismus unanstößig zu umschreiben versuchen. Bis zum 5. September führten sie ein auf seine Art gesegnetes Leben. An dem Tag zerstörte der Hurrikan Frances die Enklave. Kaum fanden sie halbwegs in die Normalität zurück, näherte sich Jeanne mit noch größerer Wucht – der Hurrikan, der Julie Montis Haus zerstörte.

Tropische Wirbelstürme entstehen im Sommer und Herbst weit draußen über dem Meer, wenn das Oberflächenwasser eine Temperatur von 26 Grad erreicht hat und stark verdunstet. Über Haiti lud Jeanne riesige Wassermengen ab. Zwischen 1500 und 2000 Menschen kamen ums Leben. Jeanne flaute ab und drehte nach Norden, schien sich im offenen Atlantik zu verflüchtigen. Doch auf einmal beschrieb sie einen Kreis, ihre Kraft wuchs. Keine zehn Meilen nördlich der Stelle, an der Frances auf Land gestoßen war, schlug sie zu.

Die Gegend war rechtzeitig evakuiert worden, aber Frau Monti hatte sich geweigert, eine Notherberge aufzusuchen. Die hätte ihren Hund nicht aufgenommen, den sie nicht im Stich lassen wollte. So stand es in der Zeitung. Alles war vorbereitet gewesen, Fluchtwege, Notunterkünfte, Notversorgung. Wissenschaftler hatten seit Jahren gewarnt, dass Florida das Ende einer Glückssträhne bevorstünde. In den vier Jahrzehnten vor 1966 schlug alle drei Jahre ein Hurrikan eine Schneise durch den Staat. Zwischen 1966 und 2003 kam das nur einmal vor. Dieses Jahr waren es vier Hurrikane in 48 Tagen. Dass sich das "klimatologische Mittel" derart Geltung verschaffte, sagen die Hurrikanforscher, sei außergewöhnlich, aber kein Anlass zur Beunruhigung. Weltweit sei die Zahl tropischer Stürme zurückgegangen. Eine Studie, die noch 1990 einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und tropischen Stürmen postulierte, ist offenbar überholt.

Klimawandel? Ein Immobilienhändler lehnt sich in seinem braunen Ledersessel zurück und holt tief Luft. Nein, sagt er dann, er habe noch von keinem Kunden die Befürchtung gehört, dass ein Hauskauf an der Küste eine prekäre Investition sei. Dass sogar moderne Stahlbetonbauten kollabierten, hat für ihn nur einen Grund: "Schauen Sie sich die Häuser an, die so gut wie unversehrt blieben. Die sind richtig gebaut."