Vor einiger Zeit habe ich ein Buch über das Mittelalter gelesen. Es war von dem französischen Historiker Jacques Le Goff und sehr interessant. In einem Kapitel des Buches ging es um das Buch.

Auch das Buch musste, wie Auto, Computer oder Telefon, erst mal erfunden werden. In der Antike gab es die Papyrusrolle. Sie war extrem leserunfreundlich, weil solch eine Rolle, sobald man sie in einem unkonzentrierten Moment losließ, ratz, fatz zurückschnurzelte. Das kennen wir Heutigen vom Fensterrollo im Badezimmer. Etwas anderes hatte die Antike ihrem gebildeten Publikum aber nicht zu bieten. Erst kurz vorm Ende des Römischen Reiches, im 4. Jahrhundert oder auch etwas später, ist jemand auf die Idee gekommen, dass man Papier in rechteckige Scheiben schneiden kann, genau wie Käse. Diese Scheiben kann man dann übereinander legen und hinten vorsichtig zusammenkleben. Das Ergebnis nimmt weniger Platz weg – und schnurzelt niemals zurück! Man weiß bis heute nicht, wer dieser Erfinder gewesen ist.

Damit war es erst einmal gut. Vom 12. Jahrhundert an aber wurden weitere Erfindungen gemacht. Jemandem war aufgefallen, dass man sich selbst in den allerbesten Büchern seit Hunderten von Jahren im Grunde überhaupt nicht zurechtfand. Diese leider ebenfalls unbekannt gebliebene Person vertrat den Standpunkt, dass man, wie das Papier, so auch den Text in Scheiben schneiden müsse, wie Käse. Oben auf jede Scheibe solle man, um die Übersichtlichkeit noch weiter zu steigern, eine Überschrift setzen. Dies war, falls Le Goff nicht lügt, die Geburtsstunde des "Kapitels".

Die Innovationen überstürzten sich nunmehr. Denn es ist fast gleichzeitig jemand anderes auf die Idee gekommen, dass man viel mehr Punkte und Kommas in die Texte hineintun sollte, womöglich sogar nach gewissen Regeln, ebenfalls, um sich in den Büchern besser zurechtzufinden, und dass ein alphabetisch geordnetes Sachregister am Ende manchmal hilfreich ist. Der freie Seitenrand, auf dem Leser Worte wie "fragwürdig" oder "gewagte These" notieren können, wurde im 13.Jahrhundert erfunden, vermutlich von einem Mönch der Pariser Abtei St. Victor. Eine weitere revolutionäre Innovation betraf den Kopistenberuf. Über Hunderte von Jahren wurde jeweils ein Buch in wochenlanger Fron von jeweils einem einzigen Kopisten abgeschrieben. In Bologna ist jemandem der Gedanke gekommen, die Seitenbögen zu nummerieren. Sofort konnten zahlreiche Kopisten gleichzeitig an einem Buch schreiben, weil man die Bögen mit Hilfe der Nummern hinterher in der richtigen Reihenfolge zusammenbasteln konnte.

Faszinierend ist, dass einem das alles heutzutage so selbstverständlich erscheint, dass aber die Menschheit Tausende von Jahren brauchte, um diese Innovation in das Hirnkastl hineinzubekommen. Seit ich das Buch gelesen habe, bin ich überzeugt davon, dass unsere Welt noch immer voller unerfundener, sehr einfacher Erfindungen steckt und dass es Deutschland, vor allem aber mir persönlich mit einem Schlage besser denn je gehen könnte, sofern mir ein Megahammer gelingt wie die Erfindung des Buches, des Rades oder auch des Feuers. Möglich wäre es. Das ist wirklich sehr interessant.