Die Tage zwischen dem jüdischen Neujahrsfest und Jom Kippur, dem Versöhnungstag zehn Tage später, heißen im jüdischen Glauben die furchtbaren Tage: eine Zeit der Besinnung, in der man sich seine Sünden klar macht. Es heißt, dass Gott zu Neujahr das nächste Jahr schriftlich festlege - zu Jom Kippur wird es besiegelt. Innerhalb dieser zehn Tage kann man durch Gebete, durch Spenden noch Details verändern - wenn man sich anstrengt.

MITTWOCH, 15. SEPTEMBER 2004

Heute abend beginnt das Neujahrsfest. Morgens um neun Uhr: Fototermin im Klinikum Großhadern in München. Mein nächster Film spielt in einem Krankenhaus. Da muss ich wissen, wie es dort aussieht. Thema ist das deutschjüdische Verhältnis, was sonst. Auf der Intensivstation ist kein Raum frei - ich darf trotzdem Fotos machen, wenn ich den Patienten raushalte. Ist er einverstanden?, frage ich. Er ist bewusstlos, antwortet die Schwester.

Ein Jugendlicher - eine liebende Seele hat ihm einen Schutzengel aus Holz ans Bett gehängt, seine Hände halten im Schlaf einen roten Teddy.

Meine Mutter hat mir das Tischdecken übertragen, trotzdem korrigiert sie mich. Das Neujahrsfest ist ein Familienfest, mit allen Krisen und überdeckten Katastrophen - wie Weihnachten für die Christen. Bei meinen Eltern, beides Waisenkinder, lösen diese Feste Stimmungen aus, die mal besser, mal schlechter kontrolliert werden können. Gefühle entladen sich in Streitereien - zwischen meiner Mutter und mir auch über die Religion. Sie ist überzeugte Atheistin. Verständlich, wenn man als Kind mit dem Judenstern herumlaufen musste und die Familie ermordet wurde. Ich dagegen bin begeistert jüdisch, wenn ich es nicht wäre, würde ich es werden. Ich esse möglichst koscher, halte möglichst viele Gebote ein (mit meinen speziellen Kompromissen). Mit kleinen Wortgefechten laufen wir uns bis zum Abend warm.

Abends spielt Maccabi Tel Aviv gegen Bayern München. Beim Nachtisch hält es mein Schwager nicht mehr aus. Er schaltet das Radio ein. Ein hervorragendes 0 : 0 ist im Gange. Tel Aviv musste, trotz des hohen Feiertags, zum Spiel antreten, um nicht aus dem Wettbewerb zu fliegen. Die Bayern waren bereit, das Spiel zu verschieben, aber einer der Funktionäre meinte, die Israelis müssten sich entscheiden, ob sie Fußball spielen oder beten wollten. Doch nicht straflos schaltet man am Feiertag das Radio ein: Da, ein Foul, Makaay verwandelt den Elfmeter, 1 : 0 für Bayern. Hätten wir bloß nicht eingeschaltet.

DONNERSTAG, 16. SEPTEMBER