Den öffentlich-rechtlichen Sendern ist nicht zu helfen. Seit Jahren steigen die Rundfunkgebühren, allein in den vergangenen zehn Jahren haben sie sich nahezu verdoppelt. Aber selbst der neuerliche Zuschlag von 88 Cent, der vom April nächsten Jahres an gewährt werden soll, ist ihnen noch nicht genug. Sie wollen das Zweieinhalbfache. Schon hat das ZDF "schmerzhafte Abstriche" am Programm angekündigt, sollte der Zuschlag nicht erhöht werden. Der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen warnte vor Einschränkungen just am "gesellschaftlichen und kulturellen Engagement", das heißt also an dem, womit die Zwangsgebühr gemeinhin gerechtfertigt wird. Der Bayerische Rundfunk droht mit der Auflösung seines Sinfonieorchesters, weil anders nicht gespart werden könne; weitere Sender werden ihm gewiss folgen.

Keine der ARD-Anstalten hat, wohlgemerkt, mit dem Ende von Unterhaltungsshows oder teuren Sportübertragungen gedroht; sie alle tun so, als sei die Rundfunkgebühr bisher immer nur zur Pflege des abendländischen Erbes eingesetzt worden. Auch dass die ARD zum ersten Mal auf die Übertragung der Friedenspreisverleihung verzichtet hat, erscheint wie eine Trotzreaktion. Die Botschaft lautet: Wenn ihr uns das Geld nicht gebt, dann müssen wir eben an der Kultur sparen.

Das ist allerdings eine gefährliche Botschaft. Denn seit Jahren wird gerade die Verflachung der öffentlich-rechtlichen Programme beklagt, die Angleichung an die Privatsender, die Banalisierung und Kommerzialisierung bis hin zum verdeckten Sponsoring von Sendungen. Erst jüngst haben die Ministerpräsidenten der Länder erklärt, ARD und ZDF sollten nicht auf weitere Gebührenerhöhungen setzen, sondern an einer Strukturreform arbeiten, die gewaltigen Verwaltungsbürokratien verschlanken und sich einmal selbstkritisch der Frage stellen, ob sie die öffentliche Gebührenfinanzierung noch zu Recht in Anspruch nehmen.

Das war eine Drohung, auf die ARD und ZDF mit der Ankündigung von Stellenkürzungen und mit weitschweifigen Selbstverpflichtungserklärungen reagiert haben, aus denen vor allem eines hervorgeht: dass sie sich nicht ändern wollen, weil sie ihren Auftrag ohnehin vorbildlich erfüllten. Die Ministerpräsidenten scheinen das eingesehen zu haben: ungefähr so, wie besorgte Eltern die Schwererziehbarkeit ihres Kindes resigniert zur Kenntnis nehmen. Sie haben das Taschengeld, sprich die Gebührenerhöhung, gekürzt, aber nicht gestrichen. Dass sie sich dabei nicht nur über die Wünsche der Sender (2,01 Euro), sondern auch über die Empfehlung der unabhängigen Kommission zur Ermittlung ihres Finanzbedarfs (1,09) hinwegsetzten, könnte die Möglichkeit einer Verfassungsklage eröffnen; jedenfalls hat die ARD schon damit gedroht.

Juristisch werden die Sender allerdings das Akzeptanzproblem nicht lösen, um das es sich im Kern handelt. Die Anstalten stecken in einer Falle. Die Zwangsgebühr ist nicht beliebt. Sie wird nicht beliebter, wenn sie vom nächsten Jahr an auch auf Computer erhoben werden soll, mit denen sich Programme übers Internet empfangen lassen. Auf den erwartbaren Popularitätsverlust werden die Sender mit einer weiteren Popularisierung des Programms antworten: mit noch mehr Unterhaltung, noch dümmeren Späßen. Gleichzeitig gehen dadurch Sendeplätze für den Kultur- und Bildungsauftrag verloren, auf dem das Gebührenprivileg eigentlich beruht. Anders gesagt: Entweder verliert der öffentlich-rechtliche Rundfunk das Spaßpublikum und damit die zahlenden Massen oder er verrät seinen Auftrag und damit seine Existenzberechtigung.

Aus dieser Zwickmühle ist kein Entkommen. Die Selbstverpflichtungspapiere versuchen, das Dilemma zu umgehen, indem sie noch die albernste Ratesendung als kulturell bildend erklären. Im Übrigen ruht ihre Hoffnung auf der nostalgischen Erinnerung an die alles überwölbende Familiensendung, mit der die Nation von gebildet bis ungebildet noch einmal zusammengeführt werden kann; nur leider ist von diesem Sendetyp kaum mehr als Wetten, dass übrig geblieben. Die Gesellschaft hat sich, wie die Soziologen sagen: ausdifferenziert, und was in einem Milieu gefällt, ist dem anderen ein Gräuel. Die Zukunft der Sender kann nur in einem ähnlich ausdifferenzierten Spartenprogramm liegen. Das Voll- und Hauptprogramm dagegen, von dem sie noch immer träumen, wird nur dem niedrigsten gemeinsamen Nenner gerecht.