Unsere Fürstenhäuser, unsere gottgewollten Monarchen – wie übel hat ihnen das Jahrhundert der Revolutionen doch mitgespielt! Der Blick zurück verklärt sich allmählich. In Rom wird Österreichs letzter Kaiser selig gesprochen, in den Buchhandlungen türmen sich die Biografien verblichener Serenissimi. Vor allem in den so genannten neuen Bundesländern, noch tief gezeichnet vom ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, steigern sich die neuen Obrigkeiten in einen wahren Feudalismusrausch. Mit opulent subventionierten Ausstellungen wird den weisen Regenten gehuldigt: Hohenzollern und Wettinern, Reuß, Greiz, Schleiz und Lobenstein. Aber auch im deutschen Westen lässt man sich nicht lumpen. 92 Millionen Euro hat die umfassende Renovierung des Schlosses in Ludwigsburg bei Stuttgart gekostet, eines der größten Barockensembles Europas; mit Pomp feiert Baden-Württemberg den 300. Jahrestag der Grundsteinlegung des Prachtbaus durch Herzog Eberhard Ludwig.

Das Programm zum Jubeljahr ließ bisher kein Thema des absolutistischen Lebens aus. Nur ein vielleicht dann doch nicht ganz unbedeutender Aspekt ist den Veranstaltern entgangen. Wenige Kilometer von Ludwigsburg entfernt liegt die Landesfestung Hohenasperg. Sie wurde zum Kerker für so viele Freidenker und Demokraten unter den württembergischen Herrschern – eine deutsche Bastille, noch lange nachdem das Urbild in Paris gefallen und abgerissen war.

"Schauer fuhr durch mein Gebein, als sich der Asperg vor mir aus seinem blauen Schleier enthüllte. ›Was wird dich dort erwarten?‹ – so dacht’ ich, als der Wagen bereits vor der Festung stille hielt. […] Wem man mit eiskalter Hand ins Herz greift, und es ihm quetscht, dass blutige Tropfen in beeden Augenwinkeln hangen, dem ist’s nicht banger als mir." So schreibt der Journalist, Dichter und Musiker Christian Friedrich Daniel Schubart, als er 1777 hier ins Loch geworfen wird. Und noch viele politische Gefangene folgten Schubarts Weg ins Staatsverlies. Der Berg wurde zum Symbol der Unterdrückung. Demokratenbuckel, großes Freiheitsgrab, Tränenberg nannte ihn das Volk.

Ähnlich wie vom sächsischen "Pendant", der Festung Königstein an der Elbe, sollte auch von hier, von dem 90 Meter hohen Felsen aus, ursprünglich das Land verteidigt werden. Doch schon im 18. Jahrhundert, Schloss Ludwigsburg war längst im Bau, funktionierten die Herren von Württemberg den Trutzbau zum Hochsicherheitstrakt um. Schubart war nicht das erste Opfer des Despotismus, das hier litt. Rund 40 Jahre vor ihm, im Januar 1738, kam der als "Jud Süß" bekannte Hoffinanzmann Joseph Süß-Oppenheimer in die Festung. Süß, in den Konflikt zwischen Herzog Karl Alexander und der württembergischen Ständevertretung geraten, lastete man Amtserschleichung, Betrug und Hochverrat an. Der prominente Gefangene war allerdings nur einige Tage hier, dann schaffte man ihn nach Stuttgart, wo er am 4. Februar gehängt wurde.

Auch vor Frauen machte die herzogliche Willkür nicht Halt. 1756 bekam dies Marianne Pyrker zu spüren, eine beliebte Sängerin am Stuttgarter Hoftheater. Ihr Vergehen? Sie hatte der württembergischen Herzogin Friederike die Liebesaffäre des Gemahls Carl Eugen mit einer Tänzerin verraten. Der Herzog war außer sich vor Zorn über diese Indiskretion und ließ die Sängerin in den Kerker werfen. Die Isolationshaft zerrüttete ihren Verstand, durch ihre Klageschreie ruinierte sie ihre Stimme. Erst nach achteinhalb Jahren durfte sie die Festung verlassen, gebrochen und geistig verwirrt.

Der junge Schiller besucht Schubart im Kerker

Dann kam Schubart. Er hatte keine Liebschaft verraten und auch nicht mit Finanzen jongliert. Er war der erste politische Gefangene, sein Schicksal ergriff die Menschen im ganzen Reich. Schubarts einziges Vergehen: Er hatte kritische Artikel geschrieben. Seine Wochenzeitung, die berühmte Deutsche Chronik, war erstmals am 31. März 1774 in der Reichsstadt Augsburg erschienen; als hier die Repressalien der Jesuiten gegen ihn zu stark wurden, hatte er sie in Ulm herausgegeben.

Die Chronik ist eine politische Chronique scandaleuse des Absolutismus. Besonders des Soldatenexports nahm Schubart sich an. Die Landesherren von Hessen-Kassel oder Braunschweig, die ihre Untertanen an die englische Krone verkauften (für deren Krieg gegen die rebellischen amerikanischen Kolonien), beschuldigte er genauso des Menschenhandels wie den bayerischen Kurfürsten. Und eben Carl Eugen in Ludwigsburg: "Der Herzog von Württemberg soll dreitausend Mann an England überlassen, und das soll die Ursache seines gegenwärtigen Aufenthaltes in London sein."