Auch Archäologen träumen. Besonders dann, wenn sie den ganzen Tag lang Keramikscherben und Tierknöchelchen aus dem Boden gepult haben, wenn der Rücken schmerzt und der Fundbericht geschrieben werden müsste. "Da wünscht man sich schon mal einen richtigen Bingo-Fund", erzählt Harald Meller, der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt. Aber was ist ein großer Fund? So etwas wie Ötzi vielleicht oder Tutanchamun. Oder wenigstens ein Neandertaler mit Faustkeil in der Hand. "Aber das hier?" Meller, der auch Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle ist, zeigt auf die Bronzescheibe auf seinem Schreibtisch. "So etwas Verrücktes kann man sich nicht ausdenken."

Verrückt? Meller nickt. Die mindestens 3600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra, 1999 von Raubgräbern entdeckt, ist ja nicht nur die weltweit älteste konkrete Darstellung astronomischer Phänomene. Sie stellt diese auch in völlig rationaler, geradezu moderner Weise dar. Während es auf späteren Himmelsdarstellungen nur so von Walfischen, Zentauren und anderem mythischen Getier wimmelt, sei "das bronzezeitliche Ding nüchtern wie ein Verkehrsschild", sagt Wolfhard Schlosser, Astronomieprofessor aus Bochum.

Dennoch trägt die Himmelsscheibe sagenhafte Botschaften. "Manche Leute behaupten, die Scheibe verrate, wann die Ufos der Plejadianer kommen, um die Welt zu retten", sagt Harald Meller. Er lacht. Zumindest die Plejaden seien tatsächlich wichtig. Meller deutet auf das markante Siebengestirn links von der oberen Spitze des Sichelmondes. Astronom Schlosser hat berechnet, dass die Plejaden in der Bronzezeit den 10. März markierten, und zwar dann, wenn sie sich am Westhimmel kurz vor ihrem Verschwinden mit dem Sichelmond zeigten; waren sie gemeinsam mit dem Vollmond zu sehen, dann markierten sie den 17. Oktober.

Diese beiden Ereignisse, die gleichsam Anfang und Ende des bäuerlichen Jahres beschreiben, zeigt die Himmelsscheibe also simultan. "Ein tolles Memogramm", sagt Meller, "die Botschaft ist klar: Wenn du am Himmel die Plejaden neben dem zunehmenden Mond siehst, kommt der Frühling, und du kannst säen. Wenn sie mit dem Vollmond auftauchen, ist es Herbst, und du solltest mit der Ernte fertig sein." Diese und andere verblüffende Einsichten in die tiefe Vergangenheit sind von Freitag an im Landesmuseum in Halle zu bestaunen (bis 24. April 2005). Die opulente Schau trägt den Titel Der geschmiedete Himmel und nimmt sich aus wie ein erstes Forschungsresümee. Doch es steckt mehr dahinter. Genauer besehen, ist sie ein Fanfarenstoß, der Auftakt zur wissenschaftlichen Großoffensive auf die Bronzezeit – im Zeichen der Himmelsscheibe von Nebra.

"Unser Wissen über die Bronzezeit ist auf dem Stand der achtziger Jahre", beklagt François Bertemes, Direktor des Instituts für Prähistorische Archäologie an der Universität Halle. Obwohl die riesigen Verkehrsprojekte im Zuge der deutschen Einheit Myriaden neuer Funde brachten. Im archäologischen Alltag jedoch, der von Rettungsgrabungen und Stellenabbau bestimmt ist, bleibt für deren Auswertung kaum Zeit.

Daran soll sich nun etwas ändern. "Der Aufbruch zu neuen Horizonten" heißt denn auch das DFG-Forschungsprojekt, das sich unter Bertemes’ Ägide der Frühbronzezeit widmen wird, die in Mitteleuropa von 2200 bis 1600 vor Christus dauerte. Dem Forschungsverbund gehören neben den Universitäten von Halle und Jena die TU Bergakademie Freiberg und Mellers Landesamt für Archäologie an sowie das Institut des Bochumer Astronomen Schlosser. Zu den 3,6 Millionen Euro DFG-Förderung kommt mindestens noch einmal die gleiche Summe an Eigenmitteln. So will man endlich Licht in das Dunkel der Bronzezeit bringen.